Bloggers Ohnmacht, Bloggers Einfluss

Als sich vor über fünf Jahren – das Datum unten ist maßgeblich, nicht das oben auf dem NRHZ-Flyer – erstmals vier von der „Deutschen Welle“ abservierte Redakteure mit einer öffentlichen Erklärung zu Wort meldeten, empfand ich stärker als sonst die Teilnahmslosigkeit der „Gesellschaft“, in der ich lebe. Ich hatte nie viel mit Margaret Thatchers Aussage anfangen können, es gebe keine Gesellschaft, sondern nur „lebendes Gewebe von Männern und Frauen und Menschen“. Menschen bedeuten einander offenbar nur etwas, wenn sie entweder einander kennen, oder wenn sie gedanklich oder idealistisch irgend etwas verbindet, sei die Verbindung bestimmt oder unbestimmt.

Ich weiß nicht, was mich gedanklich oder ideell mit den DW-Dissidenten verband. Aber ich erinnere mich an ein wochenlang anhaltendes Gefühl der Enttäuschung über mein Land, dessen Medien eine Nachricht, die von den Bergen hätte verkündet werden müssen, nicht nur ignorierten, sondern geradezu geräuschlos aufsogen, wie die Wände eines schalltoten Raums – in eben dem Raum, den wir den öffentlichen nennen.

An dieses Gefühl musste ich wieder denken, als ich diese Woche Joachim Petricks Nachruf auf Rupert Neudeck las. Oder genauer: als ich die Diskussion zwischen ihm und seinem Leser Columbus mitverfolgte.

Um klar zu sein: ich habe die Petition ebenfalls nicht unterschrieben, die Petrick initiierte. Aber ich glaube den Zorn auf die Unbeteiligtheit meiner Mitbürger zu kennen. In diesem Fall auch den Zorn auf meine Unbeteiligtheit. Diesen Zorn gibt es oft, aber er entwickelt sich nur selten persönlich. Er bleibt anonym.

Sind Blogger in Deutschland eine „5. Macht“?

Sie haben jedenfalls Einfluss. Die Presse reagiert zwar selten konkret auf Blogs – Jan Pfaff vom „Freitag“ z. B. hat das mal gemacht -, aber sie reagiert erstaunlich dünnhäutig auf „das Internet“, jenes ihr unheimliche Massenphänomen aus der Massengesellschaft, in der die Massengesellschaft keine Leserbriefe mehr schreibt, in demütiger Hoffnung auf freundliche Veröffentlichung, sondern sich im Zweifel einfach erstmal auskotzt.

Im konkreten Fall, in dem Fall, der dem Blogger selbst am Herzen liegt, bleibt er fast immer ohnmächtig. Aber als Tropfen eines Ozeans spielt er trotzdem seine Rolle.

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Blogging about China - the economy, politics, and society. Translating Chinese press articles into English. Making Net Nanny talk.

8 responses to “Bloggers Ohnmacht, Bloggers Einfluss”

  1. Auerbach says :

    Hat dies auf montagfrei rebloggt.

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  2. justrecently says :

    Strange. Unter der Kategorie „Audio“ kann ich diesen Beitrag posten – unter „Netz“ hingegen nicht.

    Update Hab’s verstanden. „Online“ als Kategorie entspricht dem Menüpunkt „Netz“.

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  3. Auerbach says :

    Aber die Seite funktioniert großartig, Schna’sel. Gut gebaut. Gran di os! Macht mir echt sehr viel Spaß darin zu arbeiten.

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  4. schna'sel says :

    »Aber ich glaube den Zorn auf die Unbeteiligtheit meiner Mitbürger zu kennen. Diesen Zorn gibt es oft, aber er entwickelt sich nur selten persönlich. Er bleibt anonym.«

    Den kenne ich auch. Ich weiß aber, dass auch das eine Frage des Standpunks ist. So, wie man sich über Autofahrer ärgert, wenn man Fußgänger ist und auf Fußgänger schimpft, wenn man im Auto sitzt. Da es aber immer mehr gibt, die sich gar kein vernünftiges Auto mehr leisten können und denen politisch auch noch die Stimme genommen wird, darf man sich nicht wundern, wenn der Zorn über die Autofahrer sich den Ausdruck sucht, den er aktuell findet. Oder gar nicht bemerkt wird. Schwindende Wahlbeteiligung, Protestwähler, Wutbürger im Netz, das alles hat doch Ursachen. Und an denen wird nicht gearbeitet, weil sie die Doktrin in Frage stellen, die hier seit 30 Jahren alles bestimmt. Das ist so banal, dass es mittlerweile ein Allgemeinplatz geworden ist. Aber es ist dennoch wahr. Und ich habe ehrlich gesagt das Gefühl, dass der Dampfer abgefahren ist. Gestern Elmar Brock zu den Ertrunkenen vor der libyschen Küste: Das war abwiegeln, trotz der grauenhaften Bilder, Rechtfertigung der aktuellen Politik und ein „Weiter So“, das sich nicht von all den anderen „Weiter So“ unterscheidet, die einem sonst auch mit der Professionalität serviert werden, die die Politik und die Darstellung der Realität in der Öffentlichkeit ausmacht. Mit dem Unterschied, dass es da als Objektivität oder Nüchternheit getagt wird. Tatsache ist, das die emotionale Wahrheit, die dahinter steckt ausgeblendet wird um eine → Ware daraus zu machen, eine Nachricht. Man kann sich fragen, ob es denn über Alternativen gibt, zumindest ich frage mich das. Ich glaube nicht, dass diese Beziehung zwischen dem, was uns bewegt, oder nicht mehr bewegt und dem was diese Bewegungen produziert und steuert sich grundsätzlich verändern lassen wird, solange sich nicht ein systemchange ereignet. Wie auch immer der aussehen und erfolgen wird. Lustig wird das nicht werden…

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    • justrecently says :

      Ich glaube nicht, dass diese Beziehung zwischen dem, was uns bewegt, oder nicht mehr bewegt und dem was diese Bewegungen produziert und steuert sich grundsätzlich verändern lassen wird, solange sich nicht ein systemchange ereignet. Wie auch immer der aussehen und erfolgen wird.

      System change ist ja ein weiter Begriff, je nachdem, ob er das Wirtschaftssystem vom Kopf auf die Füße stellt, oder ob er die Grundrechte schleift.

      Ich meine schon, dass es auch ohne Bürgerkrieg geht – ich nehme Bürgerkrieg mal als Metapher für blutigen Wandel. Ich sehe das in meiner Gegend, wenn z. B. Menschen anfangen, Leistungen in Währungen mit Verfallsdatum abzurechnen. Das nimmt wahrnehmbar zu.

      Wie ich im Beitrag schrieb: ich fange an, mich der Thatcher’schen Gesellschaftsdefinition anzunähern. Es gibt sehr viele, kleine, überschaubare Gesellschaften. In ihnen verpflichten wir uns. In der großen entpflichten wir uns – tendenziell, ohne das ich alles über einen Kamm scheren will.

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