Gauck geht

Man muss Einschränkungen machen, wenn man die Amtsführung des Bundespräsidenten loben will. Zum einen ist eine Kritik viel zu schnell verebbt – die an seinen Beiträgen zur Militarisierung der deutschen Außenpolitik. Es hat beim Gegenhalten vielleicht nicht geholfen, dass Norbert Müller, ein Brandenburger Landtagsabgeordneter, Joachim Gauck aus gegebenem Anlass, aber mit unangemessenen Worten, einen verbalen Farbbeutel verpasste, der am weltweit ernstfallbereiten Staatsoberhaupt klebenbleiben sollte, tatsächlich aber nur ein paar kümmerliche Kleckse auf überspannten Kritikern zurückließ. Es reichte nicht einmal für einen richtigen Rohrkrepierer, der von sich reden gemacht hätte.

So ist das in Deutschland. Der Präsident ist Kaiser, und die (fragwürdige) Annahme, der zufolge er nichts zu sagen habe, macht ihn nur noch beliebter.

Man muss sich den Unterschied klarmachen: noch heute würde Per Steinbrück – als Politpensionär – die öffentliche Meinung mit Statements wie Gaucks im Sommer 2014 – tagelang aufmischen. Der öffentliche Raum wäre nur noch mit Ohropax zu ertragen gewesen, hätte die sensible sozialdemokratische Dampfwalze zu Waffen Worten gegriffen wie  … und in diesem Kampf für Menschenrechte oder für das Überleben unschuldiger Menschen ist es manchmal erforderlich, auch zu den Waffen zu greifen.

Aber ein Ex-Pfarrer und Ersatzkaiser darf so reden. Und so. Und natürlich so. Andererseits darf er aber auch wachsweich werden, wenn ein Thema ihm dann doch mal zu heiß wird.

Warum will Gauck keine zweite Amtszeit? Dafür gibt es viele überzeugende Gründe: sein Alter, die Herausforderung, irgendwann doch mal nach Moskau reisen zu müssen (zehn Jahre ohne wäre auffällig), oder die Furcht davor, noch so eine Rede halten zu müssen. Einmal ist, propagandistisch gesehen, keinmal, und den sowjetischen Opfern deutscher Todeslagerwirtschaft Respekt zu zeigen, mag ihm vor gut einem Jahr sogar ein Bedürfnis gewesen sein.

Denn Gauck ist nicht nur ein chronischer kalter Krieger. Das ist er zwar auch, aber er ist nicht unterkomplex.

Und er hat etwas geschafft, woran zwei Vorgänger gescheitert sind: er hat eine Präsidentschaft würdig über ihre fünf Jahre gebracht.

Zugegeben: Horst Köhler hatte es schwerer als sein Nachnachfolger. Er „musste“ auch länger amtieren. Aber Gauck kennt offenbar seine Möglichkeiten und Grenzen besser als mancher Vollblutpolitiker, oder er wurde in den letzten Tagen gut beraten. Das muss man auch erst einmal können.

P.S./ zu Risiken und Nebenwirkungen: noch ist Gauck im Amt. Und bis 2017 kann noch viel Mist passieren.

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5 responses to “Gauck geht”

  1. Auerbach says :

    Hat dies auf montagfrei rebloggt.

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  2. Auerbach says :

    Peer Steinbrück. Aber „Per“ ist irgendwie auch gut. :))

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  3. Auerbach says :

    »Und er hat etwas geschafft, woran zwei Vorgänger gescheitert sind: er hat eine Präsidentschaft würdig über ihre fünf Jahre gebracht.«

    Tja. Macht auch irgendwie ratlos, oder? Stephan Hebel hat in der FR heute einen sehr kritischen Text, »Gauck macht den Weg frei« http://www.fr-online.de/politik/joachim-gauck-gauck-macht-den-weg-frei-,1472596,34330748.html
    Er begrüßt den Abgang und hofft, der Nachfolger wird das Amt besser nutzen sich für »Freiheit« einzusetzen.

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    • justrecently says :

      Stimmt, Peer heißt der Zeilenschinder aus Hambuäch.

      Gauck provozierte auch gerne mal – er war ja ein Bundespräsident mit Oppositionserfahrung. Heute wird aber vermutlich oft stillschweigend davon ausgegangen, zum Beispiel der Präsident schlechthin – Richard von Weizsäcker – hätte vernehmlich gewarnt, wäre er 2012 bis 2017 Bundespräsident gewesen: vor einer Nimm-was-du-kriegen-kannst-Politik der EU in der Ukraine, vor einer Gleichgültigkeit gegenüber der NSA-/GCHQ-Abhörpraxis, etc..

      Aber da bin ich mir gar nicht so sicher.

      Ich glaube, Gaucks Präsidentschaft besteht aus Russentechnik. Da darf ruhig mal Dreck rankommen, darum fällt er nicht gleich aus.

      Gefällt 1 Person

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