Morning Roundup: Militärausgaben „in die richtige Richtung“

by Auerbach und JR

Weil du doof bist: Rossija TV versus ARD

Für die Richtigkeit der deutschen Subtitel übernimmt Sofortbild keine Gewähr.

Nachdem ARD-Dokumentarfilmer Hajo Seppelt einen Film über Doping in Russland gedreht hatte, schlug Rossija TV zurück:

Unsere Journalistin Olga Skabejewa reiste extra nach Deutschland, um dem Autor des ARD-Films einige Fragen zu stellen. Sehen Sie, was daraus geworden ist.

Solche Probleme hatte er noch nie, erzählte Hajo Seppelt dem RBB-Medienmagazin am Samstag, zwei Tage nach der Ausstrahlung des völlig aus dem Ruder gelaufenen Interviews durch das russische Fernsehen.

NATO im Manöver

Der polnische Staatspräsident Andrzej Duda nahm am Montag an den Militärmanövern Anakonda 2016 teil. Er werde die Kriegsspiele auf dem Truppenübungsplatz Drawsko Pomorskie beaufsichtigen, wo Flugzeugabschuss durch Artilleriefeuer geübt [..] und eine Pontonbrücke aufgestellt werden solle, erklärte Radio Polen. Laut einer Meldung von „Zeit online“ nahmen an dem Manöver auch Soldaten aus Partnerländern der NATO teil – unter anderem aus Schweden, Georgien und der Ukraine.

NATO-Generalsekretär [Jens Stoltenberg] kündigte laut „Wall Street Journal“ eine Steigerung der Verteidigungsausgaben in Europa und Kanada an:

Dies ist echter Fortschritt. Nach vielen Jahren, in denen es in die falsche Richtung ging, beginnen wir damit, in die richtige Richtung zu gehen.

Eine über den amerikanischen Kurzwellensender WRMI verbreitete Nachrichtensendung des ukrainischen Auslandsradios meldete heute früh,

Heavy fighting continues in the east of Ukraine, according to this morning’s ATO*) press center report, the Russian-backed fighters conducted fourty attacks across the front line over the past 24 hours, most of them in the Donetsk area. Military press officer Arkady Radkovsky later said that this morning, there had been another six attacks between midnight and 8 a.m. on Monday. Notably positions near Novotroitska on the Donetsk-Mariupol highway were reportedly attacked once more with 120 and 82 mm mortars, banned by the Minsk agreements. Colonel Andriy Lysenko, .. spokesman for the presidential administration, said that three soldiers had been wounded with none killed.

*) „anti-terrorist operations“

Solidaritätsforderungen

In einer Beileidsbekundung nach dem Massaker im „Pulse“-Club in Orlando habe Bundeskanzlerin Angela Merkel nur allgemein von Toleranz, nicht mal Akzeptanz gesprochen, kritisieren Norbert Blech und Dennis Klein in einem Artikel des LGBT-Nachrichtenportals „Queer“. Den (richtigen) Ton getroffen hätten hingegen US-Präsident Barack Obama, die voraussichtliche Präsidentschaftskandidatin der Demokratischen Partei Hillary Clinton, und der kanadische Premierminister Justin Trudeau.

Volker Beck, religionspolitischer Sprecher der bündnisgrünen Bundestagsfraktion, wird von „Queer“ mit dem Hinweis zitiert, homophobe und islamistische oder terroristische Hintergründe des Massenmords schlössen einander nicht aus. Homophobie sei „integraler Bestandteil des Islamismus“, so Beck am Montag.

Antisemitismus und Homophobie sind in der Gedankenwelt des IS tief verankert“, Juden und Homosexuelle seien als „Symbole einer offenen und pluralistischen Gesellschaft“ für die Terrororganisation herausragende Ziele ihres Terrors und ihrer Propaganda, betonte Beck.

Mit Morddrohungen und Beleidigungen, die seit der Armenien-Resolution des Deutschen Bundestages gegen die elf türkischstämmigen Abgeordneten gerichtet werden, befasst sich die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Der Grüne Parteivorsitzer und Bundestagsabgeordnete Cem Özdemir forderte die türkischen Verbände und Integrationsbeiräte in Deutschland auf, nach den Drohungen gegen türkischstämmige Abgeordnete wegen der Armenien-Resolution des Bundestages klar Stellung zu beziehen, meldete die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ am Samstag.

Der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.) sagte Özdemir: „Man muss die Resolution nicht gut finden. Ich stelle mich den Fragen der Menschen. Aber türkische Organisationen müssen ohne jede Hintertür die Mordaufrufe verurteilen. Da kann es keine zwei Meinungen geben. Wer hier ernst genommen werden möchte, wer Religionsunterricht an unseren Schulen durchführen möchte, der kann nicht nur mit den Zehenspitzen auf dem Boden unserer Verfassung stehen.“

Ein Sprecher der DITIB (Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion) erkärte, ebenfalls der FAZ zufolge, Beschimpfung und Bedrohung von Parlamentariern sind nicht hinnehmbar, sondern entschieden zu verurteilen. Punkt. Kein Wenn, kein Aber, kein Jedoch. Einfach Punkt.

Daran schloss sich allerdings laut „Telepolis“ Kritik darüber an, weitere Wortmeldungen aus dem DITIB hätten die Deutlichkeit solcher Aussagen verwischt. Und die DITIB wiederum kritisierte die ARD, weil sie eine Äußerung des Leiters der DITIB-Abteilung für Außenbeziehungen verkürzt wiedergegeben habe – eine unmissverständliche Distanzierung des Funktionärs von den Drohungen habe die ARD unter den Tisch fallen lassen.

Taiwan: Reisebeschränkungen für Ex-Präsidenten

Da staunt der Laie, und der Fachmann wundert sich: Ma Ying-jeou, bis zum 20. Mai Präsident der Republik China (besser bekannt als Taiwan) darf nicht nach Hong Kong fliegen, um dort bei der Preisverleihungszeremonie einer Verlegergemeinschaft (The Society of Publishers in Asia) die Hauptrede zu halten.

Dass ein früherer Staatschef seine Auslandsreisen bei der Regierung beantragen muss, sieht dem taiwanischen Auslandsradio RTI zufolge ein Gesetz vor. Aber dass ein solcher Antrag abgelehnt wird, ist erstaunlich. Noch erstaunlicher ist die Begründung des Sprechers der neuen Präsidentin, Tsai Ing-wen, Ma keine Reiseerlaubnis zu erteilen: da Ma seinen Antrag nur dreizehn Tage nach dem Verlassen des Amtes und sehr kurzfristig gestellt habe, sei es unwahrscheinlich, dass die neue Regierung entdecken könnte, zu welcher welche Art eingestufter Informationen der frühere Präsident Zugang hatte, und ob er all diese Dokumente zurückgegeben und alle Freigabeverfahren abgewickelt habe.

Der Kommentar des Ex-Präsidenten dazu fiel laut RTI kurz und kühl aus: die Öffentlichkeit werde sich ihr eigenes Urteil bilden.

Aber auch bei dieser Gelegenheit haben Medien mit weltweiter Reichweite wieder einmal Gelegenheit, Unfug über Taiwans Geschichte zu verbreiten:

Die Insel sagte sich 1949, nach dem Bürgerkrieg, effektiv vom Festland los; Beijing besteht jedoch darauf, dass Taiwan noch unter seine Herrschaft fällt, und hat gelobt, es wenn nötig mit Gewalt wieder einzunehmen,

schreibt zum Beispiel „Time“.

Dabei ist es unter Völkerrechtlern umstritten, ob Taiwan nach dem 2. Weltkrieg von der damaligen Kolonialmacht Japan an China „zurückgegeben“ wurde, oder ob es von Japan einfach nur aufgegeben wurde. Schon gar nicht aber wurde Taiwan an die Volksrepublik China übergeben, sondern allenfalls an die Republik China, die bis heute als Staat auf Taiwan weiterexistiert.

Deutsche (und englische) Grammatik in zehn Sekunden

„Multisprech“ macht aus einer Mücke einen Elefanten. Dabei liegt die Antwort auf der Hand: alles, was nicht er und nicht sie ist, ist es. Und natürlich ist es nicht ideologiefrei, denn dann würde es sprachlich keine große Rolle spielen.

Chefwechsel bei REF/RL

Ein „starkes Kandidatenfeld“ habe sich um den Topjob bei „Radio Free Europe / Radio Liberty“ beworben, meldet der Sender in einer Pressemitteilung. Thomas Kent, Journalist, Korrespondent und stellvertretender Chefredakteur bei der Associated Press (AP), sei es dann schließlich geworden.

Die meisten Sender der Welt senden. Radio Free Europe spart. Vergleiche hier: Weniger Radio für Russland.

 

 

+++ Échauffements in Kürze +++

(Update 8:45 Uhr by Auerbach)

+++ PARIS. Nach dem Orlando Massaker, eine Geiselnahme in Frankreich. Ein Mann hat bei Paris einen Polizisten getötet und sich mit dessen Familie verschanzt, er berief sich auf den IS, bevor er von einer französischen Anti-Terroreinheit erschossen wurde. Laut Spiegel, wurde in der Wohnung eine tote Frau und ein unverletztes Kind gefunden.

+++ LONDON. Der Guardian-Journalist Owen Jones bewegt britische Medien, nachdem er gestern befragt zu den Hintergründen des #OrlandoShooting spontan eine Talk-Show verlässt. Owen Jones‘ Antworten schienen den Talkshow-Hosts nicht zu gefallen: »Orlando was both a terrorist attack AND a homophobic attack on LGBT people – this really isn’t hard.«

Nach mehrmaligen abrupten Unterbrechungen und Belehrungen stand er einfach auf und ging. Starke Haltung. Owen Jones äußert sich dazu in seinem Text, On Sky News last night, I realised how far some will go to ignore homophobia (Guardian).

In den Reaktionen der Interviewpartner Owen Jones gegenüber, drückte sich meiner Meinung nach unterschwellig ein soziales Gefälle aus: Der Cockney sprechende – sich zu seiner Herkunft bekennende Journalist aus der Working Class – wird vor laufender Kamera von zwei angepassten Prep-School Zombies – den Ja-Sagern aus der Mittelklasse – belehrt. Owen Jones ist ein außergewöhnlich engagierter Journalist, der sich dazu mutig, öffentlich als homosexuell geoutet hat und definitiv nicht zum journalistischen Establishment gehört. Die zwei Sky-Twitts lassen ihn genau das spüren. Aber er lässt es nicht mit sich machen, sagt: Up your’s. Guter Mann. Eine wichtige Stimme. »Chavs: The Demonization of the Working Class« heißt übrigens sein humorvolles, kluges Buch, über das moderne Prekariat.

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Blogging about China - the economy, politics, and society. Translating Chinese press articles into English. Making Net Nanny talk.

8 responses to “Morning Roundup: Militärausgaben „in die richtige Richtung“”

  1. Auerbach says :

    Hat dies auf montagfrei rebloggt.

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  2. justrecently says :

    Mir fiel als erstes auf, dass Hartley-Brewer Jones nicht richtig ansah – das änderte sich erst, als die Diskussion (wieder?) konfrontativ wurde. War dem Streit in diesen gut acht Minuten schon einer vorausgegangen?

    Owen Jones fing in der Achtminutensequenz plausibel an – mit der Vermutung, es handle sich bei dem „Islam“ des Mörders um eine Rationalisierung seiner Tat. Dann versuchte der Moderator, den Fokus von der Homophobie des Mörders zu nehmen, und Jones „erklärte“ ihm, dass er das nicht verstehe, weil er nicht schwul sei. Und daran wiederum zog sich der Moderator hoch – was das Gegenteil seines Jobs war.

    Miserable Moderation, aber auch kein starker Abgang Jones‘, finde ich. Hätte er eine Weile geschwiegen – vielleicht fünf bis acht Minuten -, hätten ihn die beiden high-flyer aus der Mittelklasse nicht mehr kalt stellen können, ohne dass es aufgefallen wäre.

    Gefällt 1 Person

    • Auerbach says :

      »Hätte er eine Weile geschwiegen – vielleicht fünf bis acht Minuten -, hätten ihn die beiden high-flyer aus der Mittelklasse nicht mehr kalt stellen können, ohne dass es aufgefallen wäre.«

      Miserable Moderation, indeed. Mark Longhurst und Julia Hartley-Brewer schaukeln das Ding ganz allein perfekt hinein, in die mediale Irrelevanz. Owen Jones stört in dieser heilen Welt doch eigentlich nur. Ich finde an diesem Interview wird wunderbar deutlich, warum der Journalismus weißer Männer (&Frauen) sich in einer Krise befindet.

      Darüberhinaus wird klar: Wir befinden uns inzwischen in der aktiven Phase des Verteilungskampfes. Die Fronten verlaufen ganz klar zwischen denen, die die alte Welt – samt ihren Demarkationslinien – gern noch etwas länger aufrecht erhalten würden und denen, die ganz klar benennen, dass es ein Kampf um individuelle Rechte und Freiheiten ist. Also, ja nicht sagen, es ging gegen Schwule und Minderheiten, da könnten ein paar leute ja Ideen bekommen. :)))

      Gut dazu fand ich auch diesen Artikel http://cepr.net/blogs/the-world-in-transition/bringing-the-troika-to-france

      »I have argued for years, and in my last post on this blog, that a big part of the story we have seen in Europe over the past eight years is a result of social engineering. This has involved a major offensive by the European authorities, taking advantage of an economic crisis, to transform Europe into a different kind of society, with a smaller social safety net, lower median wages, and – whether intended or not – increasing inequality as a result.«
      __Bringing the Troika to Paris by Mark Weisbrot, The Center for Economic and Policy Research (CEPR)

      Gefällt 1 Person

    • justrecently says :

      Also, ja nicht sagen, es ging gegen Schwule und Minderheiten, da könnten ein paar leute ja Ideen bekommen. :)))

      Unterbewusst hat das bei Longhurst und Hartley-Brewer vermutlich so oder ähnlich funktioniert. Aber dass sie zu denen gehören, die bewusst so eine „Inklusions“-Masche fahren, um damit das Klassenbewusstsein (zumindest unterhalb der Mittelschicht) kurz zu halten, glaube ich nicht. Sie dürften beide eher zu den Vertretern der Zunft gehören, von denen J. Augstein vor etwa anderthalb Jahren redete:

      …und wenn man das mit denen besprechen würde, ich kenn die ja, … die nehmen auch keine Pillen … die machen alles freiwillig … die glauben, dass das die Wahrheit ist und das es richtig ist und das ist echt unheimlich, das ist echt scary

      Also, Longhurst wird überzeugt davon gewesen sein, sein „wir alle“ sei unglaublich integrativ. So stelle ich mir das jedenfalls vor. Ein nicht allzu kluger Mensch mit einem guten Gewissen.

      Hartley-Brewer sehe ich nicht so kritisch. Sie gehörte ja nicht zur Moderation.

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