Thin line between love & hate

Omar Mateen tötet 49 Menschen. An jeder zweiten Ecke nennen sie das „Massaker von Orlando“ eine Tragödie, was ich anfänglich für falsch halte. Daniel Sanders Text auf SPIEGEL ONLINE, der die Tat schon im ersten Satz, wie ich, einen Massenmord nennt, ist überschrieben mit „Er meinte uns”.

Sollte es aber stimmen, dass Omar Mateen selbst im „Pulse“ verkehrte und über eine Dating-App Kontakt zu Männern suchte, dann handelte es sich sehr wohl um eine Tragödie. Und Daniel Sanders Text könnte genauso gut mit „Er meinte sich” überschrieben sein.

Mord bleibt Mord. Aber wie tragisch ist es, wenn ein junger Mann in einem der freiesten Länder der Erde derart an sich kaputt geht, dass der nach außen gekehrte Selbsthass ausreicht, um u.a. die eigene Ehefrau zu drangsalieren und schlussendlich 49 Menschen mit in den Tod zu nehmen.

Wie vergiftet von falschen Gottes-, Moral-, Ehr- und Männlichkeits-Bildern muss jemand sein, der in den USA geboren wurde, aber es im Jahre 2016 nicht schafft, zur eigenen Sexualität zu stehen. Sie zumindest heimlich auszuleben – was auf Dauer keine zufriedenstellende Lösung ist, aber immerhin mit Respekt vor eigenen, sexuellen Empfindungen/Bedürfnissen einherginge.

Zitat aus einem Beitrag in der Zeit zu Thomas Hitzlspergers öffentlichem Coming Out 2014:

„Wer denkt, Homosexualität sei doch heute kein Tabu mehr, sich dazu zu bekennen mithin kein Problem, der kennt Schwule und Lesben wahrscheinlich nur aus dem Fernsehen. Denn für den einzelnen Homosexuellen ist es zunächst mal ein Kraftakt, sich selbst einzugestehen, so zu sein, wie man ist; eine weitere Anstrengung ist nötig, um „es“ den Eltern und Freunden zu sagen.“

Sollte es außerdem stimmen, dass der Schlächter von Orlando sein Töten als einen islamistischen Terror-Akt nur verkleidete, passte das ins zuvor gezeichnete Bild. Ein radikal-islamistischer Anschlag bliebe es dennoch. Allein das erste Opfer der Tragödie hörte auf den Namen Omar Mateen.

Noch halb Kind und in einem Alter, in dem die Klassenkameraden unberechenbare Monster sind, braucht kein Mensch die Erkenntnis, nicht in die Rolle zu passen, von der man bis dahin glaubte, das Leben habe sie für einen vorgesehen. Nicht Dolce & Gabbana, sondern ein Schlag ins junge Genick ist es, sich selbst als Enttäuschung des gesamten Umfeldes, vornehmlich der eigenen Eltern, wahrzunehmen. Die Selbsttötungsrate unter homosexuellen Jugendlichen (auch nicht angehender ProfisportlerInnen wohlgemerkt) ist dementsprechend hoch.

J. 2014/2016

R.I.P. ♡

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About J. (mundfunk)

Nach müde kommt doof.

3 responses to “Thin line between love & hate”

  1. Auerbach says :

    Hat dies auf montagfrei rebloggt.

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  2. Auerbach says :

    Deine These finde ich sehr wichtig, dass wir es bei der Homophobie des Täters mit unterdrückter Sexualität zu tun haben. So klar formuliert hatte es bisher niemand.

    Hast Du schon das Statement von Volker Beck zum Hass der Mitte gelesen? Fand ich auch gut.
    Das > http://www.twitlonger.com/show/n_1soptae

    »Die Studie zur enthemmten Mitte zeigt auch: wer politisch nicht gleichgestellt und diskriminiert ist, sieht sich auch gesamtgesellschaftlichem Hass konfrontiert. Das zeigen besonders deutlich die Ablehnungswerte gegenüber Sinti, Roma und Homosexuellen. Würde die Bundesregierung dieses Problem ernst nehmen, würde sie nicht weiter auf eine rechtliche Diskriminierung von Homosexuellen und Ausweisung und Abwertung von Roma setzen. So werden diese Ablehnungen nur verstärkt und politisch legitimiert.«

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  3. Auerbach says :

    Johannes Krams, Nollendorf Blog zu Orlando http://www.nollendorfblog.de/?p=6562

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