Morning Roundup: Bedrohte Zukunft

 

BERLIN. In einem offenen Brief spricht sich die Belegschaft der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz gegen den neuen Intendanten, den Kurator und jetzigen Direktor der Tate Modern, Chris Dercon aus:

„Dieser Intendantenwechsel ist keine freundliche Übernahme. Er ist eine irreversible Zäsur und ein Bruch in der jüngeren Theatergeschichte, während der die Volksbühne vor der Umwidmung in ein Tanz- und Festspielhaus bewahrt werden konnte. Dieser Wechsel steht für historische Nivellierung und Schleifung von Identität. Die künstlerische Verarbeitung gesellschaftlicher Konflikte wird zugunsten einer global verbreiteten Konsenskultur mit einheitlichen Darstellungs- und Verkaufsmustern verdrängt.“

 

Den Intendantenwechsel im kommenden Jahr begleitet die Sorge um Einsparungen, Stellenabbau und die Abschaffung ganzer Gewerkschaften. Zu den Unterzeichnern gehören u. a. die Schauspieler Sophie Rois, Birgit Minichmayr und Martin Wuttke sowie weitere prominente Theaterschaffende wie Carl Hegemann, Anna Viebrock und René Pollesch. Die Neuausrichtung der Volksbühne dürfe nicht um den Preis „der Abwicklung künstlerischer Standards und gewachsener Kooperationen“ vorgenommen werden.

Das kritisierte, interdisziplinär ausgerichtete Konzept des zukünftigen Intendanten Chris Dercon wurde im Sommer 2015 an der Volksbühne von Dercon zusammen mit dem Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner präsentiert.

Hintergründe – Reaktionen in den Medien:

 

BrotundSpiele

Theater oder Kunst? Oder bloß politischer Aktivismus?

Die Frage wirft das Zentrum für Politische Schönheit (@Politicalbeauty) regelmäßig auf. Not und Spiele heißt die neue Kunstaktion in der für »Flugbereitschaft« geworben wird. Prominente Stimmen sprechen sich für eine Gesetzesänderung aus.

Der Auftritt der syrischen Schauspielerin May Skaf bei der Aktion »Flüchtlinge fressen« am Maxim Gorki Theater in Berlin (Sofortbild berichtete im Morning Roundup v. 17.06.2016) verspricht großes Drama: »Binnen acht Tagen eine fluchtfreundliche Politik einzuleiten, anderenfalls werde sie sich den Tigern zum Fraß vorwerfen«, so lautet ihr Ultimatum an die Bundesregierung.

»Gerade indem die Schauspielerin ganz im Spiel ihrer Inszenierung blieb und damit die Unterscheidung von Fiktion und Wirklichkeit betonte, gelang ihr etwas Eigentümliches. […] »Die Kunst relativierte sich selbst, ohne einen Zweifel daran zu lassen, dass die grausame Realität, auf die sie mit erklärtermaßen erpresserischen Mitteln den Blick gelenkt hatte, weiter bestehen bleibt.« Mark Siemons, FAZ

In der FR hingegen betont Arno Widman die Theaterhaftigkeit der Aktion

„Bundeserpressungskonferenz“ein Theater, das immer auch Politik ist, ein Theater also, das Inhumanität beseitigen und Humanität fördern möchte. Es macht das mit drastischen Mitteln. Es weiß, dass der Erkenntnis, damit sie uns wirklich erfasst, der Schock vorangehen muss darüber, dass wir die Wirklichkeit nicht erkannt, nicht gesehen, systematisch ausgeschlossen hatten.“

 

+++ UPDATE +++ [14:53 Uhr] by __Auerbach

Für alle, denen die Kunstaktionen des Zentrum für politische Schönheit (ZPS) einfach etwas zu slick sind: Wichtige kritische Stimmen zur Aktion des ZPS kommen vom Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich und von dem Künstler Wolfgang Müller (Tödliche Doris).

In seinem Essay für das online Kulturmagazin  Perlentaucher »Kunst und Flüchtlinge: Ausbeutung statt Einfühlung« analysiert Wolfgang Ullrich medienwirksame Kunstaktionen Aktionen berühmter Künstler wie Olafur Eliasson, Ai Weiwei oder das »Zentrum für Politische Schönheit«. Sie machten »den Zuschauern verschiedene, nach Intensität gestaffelte Angebote, auf dem Rücken der Flüchtlinge ihre Seelen zu bereichern und ihre »Großgesinntheit« unter Beweis zu stellen. Einwand gegen eine Ästhetik des guten Gewissens.« Der Essay in voller länge, hier.

Wolfgang Müller beleuchtet das Phänomen in Moralische Reinheit? Zentrum für politische Schönheit und Christoph Schlingensief.

Das Zentrum für politische Schönheit setzt den christlichen Erlösermythos vielleicht in einer etwas aggressiveren Variante fort. Zum Erlösermythos zählt auch die nichtgestellte Frage der eigenen Berufung. Wer beruft eigentlich die, die sich für berufen halten? „Grundüberzeugung ist, dass die Lehren des Holocaust durch die Wiederholung von politischer Teilnahmslosigkeit, Flüchtlingsabwehr und Feigheit annulliert werden und dass Deutschland aus der Geschichte nicht nur lernen, sondern auch handeln muss.“ Dass ex-taz-Chefredakteurin Ines Pohl das Öffentlich-machen der Flüchtlingsleichen gegen Vorwürfe des Zynismus verteidigt, passt zum Konzept der kleinsten deutschen Boulevardzeitung, die dem Inhalt und der Moral immer eine so große Bedeutung zusprach, dass darüber die Form, die Gestalt vernachlässigt wurde. Ines Pohl landete bei der „Deutschen Welle“. Wolfgang Müller, Berliner Gazette 10.082015

 

Gedenktag zweiter Klasse

Vor 75 Jahren überfiel Deutschland die Sowjetunion. In den Worten Joachim Gaucks, der vor gut einem Jahr an die Verbrechen an den sowjetischen Kriegsgefangenen erinnerte, die in Deutschland „aus mancherlei Gründen […] nie angemessen ins Bewusstsein gekommen“ seien:

Wenn wir betrachten, was mit den westalliierten Kriegsgefangenen geschah, von denen etwa drei Prozent in der Gefangenschaft umkamen, dann sehen wir den gewaltigen Unterschied: Anders als im Westen war der Krieg im Osten vom nationalsozialistischen Regime von Anfang an als ein Weltanschauungs- und Vernichtungs- und Ausrottungskrieg geplant – und in der Regel auch geführt, denken wir zum Beispiel an diese schreckliche jahrelange Belagerung Leningrads mit dem Ziel des Aushungerns einer Millionenstadt.

Das „Beijinger Abendblatt“ wertete Gaucks Rede seinerzeit als erneuten Beleg für ein verantwortungsbewusstes und geläutertes Deutschland – das war in einer Linie mit der amtlichen chinesischen Sicht auf Deutschland.

Aber die Sache hat einen Haken. Es gab in den vergangenen Jahren außer Gaucks Rede keine vergleichbar deutliche Erinnerung aus der Bundespolitik an die Dimensionen des Vernichtungskriegs „im Osten“. Der Bundestag wird heute nachmittag um 16:30 Uhr über den 75. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion „debattieren“. Eine Vereinbarte Debatte wie diese, so die „Berliner Zeitung“, ist protokollarisch niedriger eingestuft als eine Gedenkstunde.

Eine Botschaft, die nicht deutlich wahrnehmbar wiederholt wird, wird vergessen. Es ist eine Frage des politischen Willens, ob die Öffentlichkeit sich erinnert, oder ob sie vergisst. Die Bereitschaft zum Erinnern – oder zum Vergessen – drückt sich in der Häufigkeit oder Seltenheit aus, mit der die Erinnerung erneuert wird.

„Verordnetes Vergessen“ konstatiert Sevim Dagdelen, Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, in „Neues Deutschland“. Ihr Fazit:

Geschichtsvergessenheit gehört zum Instrumentenkasten einer aggressiven deutschen Außenpolitik von Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier (SPD) gegen Russland.

Aber dieses „Vergessen“ muss niemand verordnen. Es geht ja nicht darum, etwas zu tun, sondern darum, etwas zu unterlassen: das Erinnern.

Das ist in Fällen wie diesen eine leichte Übung. Auf die wohlwollende Mitwirkung einer allzeit schlussstrichbereiten Öffentlichkeit dürfen Politik und Massenmedien zählen.

Chinas und Nordkoreas „strategische Beziehungen“

Der südkoreanische Auslandsdienst KBS betrachtet Beijings Nordkoreapolitik – und Nordkoreas Chinapolitik. Auch hier geht es um „Erinnerungskultur“, aber um eine gemeinsame: wieviel Gewicht werden die beiden Seiten – protokollarisch – auf den 55. Jahrestag des nordkoreanisch-chinesischen Abkommens über Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitige Unterstützung legen?

 

Brexit-Befürworter überwiegen in Umfrage, viele Wählerregistrierungen

44 Prozent der befragten Briten in ener YouGov-Umfrage sind für einen Brexit; 42 dagegen. 46,5 Millionen Briten haben sich laut einer Meldung von Radio Japan für das Referendum registriert – der Meldung zufolge ein Rekord.

Ebenfalls laut Radio Japan wurde die Laufzeit der Registrierung um zwei Tage verlängert, weil eine Registrierungswebsite nicht richtig funktioniert habe.

Wem eine hohe Wahlbeteiligung eher nützt, wird aus der Reaktion der Brexit-Unterstützer auf diese Verlängerung erkennbar: „einige Parlamentarier“ sollen Premierminister David Cameron kritisiert und ihm vorgeworfen haben, er habe die Verlängerung zwecks Verbleibs des Vereinigten Königreichs in der EU angeordnet.

Korrekte Propaganda: dein Name sei „Partei“

Überwachung durch die öffentliche Meinung und korrekte Propaganda sind eins, dekretierte Chinas Partei- und Staatschef Xi Jinping – derzeit verreist – im Februar. Das „China Media Project“ in Hong Kong wirft einen Blick zurück auf den Umgang mit Widersprüchen zwischen Überwachung durch die Öffentlichkeit und korrekter Propaganda in den 1950ern.

1,2 Militär : Flüchtlingshilfe 0,03

Militärausgaben machen 1,2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus – man müsse sich den 3,4 Prozent der USA annähern, befand Bundeskanzlerin Angela Merkel gestern (am Dienstag) auf dem Wirtschaftstag der CDU.

Deutschlands Ausgaben für humanitäre Hilfe: 0,03 Prozent.

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About Auerbach

Australian-German artist-designer-publisher, with a passion for politics, currently based in Frankfurt and London. Covering a wide range of artistic production in the Visual Arts - exhibitions, design, curatorial. Zylvia has designed several publications for major art book publishers.

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