Von Kosten und Schattenseiten

 

Navid Kermani

Der große, deutsche Autor Navid Kermani reagiert auf das #BREXIT-Meltdown mit einem gigantischen Gastbeitrag: Auf Kosten unserer Kinder; – lesen lesen – in der FAZ v. 29.06.2016. Klug, voller Güte und Menschlichkeit spitzt Kermani in seinem Essay das Drama des jahrzehntelangen Politikversagens auf die Jugend und zukünftige Generationen zu.

»Auf den Weg gebracht und ausgearbeitet war der Verfassungstext von einer Generation, welche die Abgründe des Nationalismus physisch durchlitten hatte oder mindestens, wie die Achtundsechziger, mit Blick auf den Zweiten Weltkrieg politisch sozialisiert worden war. Hingegen ausgeführt, öffentlich kommentiert und durch Desinteresse zum Scheitern gebracht wurde der Verfassungsprozess von meiner Generation, die die Notwendigkeit Europas nicht mehr biographisch erfahren hat: Sie weiß die Vorzüge Brüssels größtenteils zu schätzen, sieht die Vorteile eines gemeinsamen Vorgehens in der globalisierten Welt, aber hat zu Europa ein instrumentelles Verhältnis. […]

Auch während der Finanzkrise argumentierten Europas Politiker rein utilitaristisch, wie es einprägsam die Formel der Bundeskanzlerin ausdrückte: „Scheitert der Euro, dann scheitert Europa.“ Aber ist der Euro wirklich das Fundament, auf dem Europa steht? Es mag sein, dass Aktien und Exporte einbrächen ohne die gemeinsame Währung. Aber glauben wir deshalb an Europa, weil uns der wirtschaftliche Nutzen überzeugt? War da nicht mehr? So etwas wie Freiheit, Emanzipation und Teilhabe aller Menschen am Gemeinwesen gleich welchen Geschlechts, welcher Herkunft, Religion oder sexuellen Orientierung? […]

 

»Stattdessen wurden und werden die Krisen, die der Schwächung Europas geschuldet sind, zum Argument genommen oder sogar bewusst befördert, um Europa weiter zu schwächen – ein Teufelskreis, in den die EU während der Flüchtlingskrise nicht zum ersten Mal geraten ist. Auch Deutschland wurde eine solidarische Flüchtlingspolitik schließlich erst dann zum Anliegen, als es selbst die Lasten zu tragen hatte.«

»Als Schriftsteller bin ich regelmäßig zu Gast in Schulen, und ich spreche dann fast immer auch über Europa. Ich sage nicht, dass Europa den Schülern eine Lehrstelle oder einen coolen Job besorgt. Ich weise nicht darauf hin, wie angenehm es ist, ohne Pass zu reisen oder kein Geld wechseln zu müssen. Auf die handfesten Vorteile Europas kommen die Schüler alle von selbst, ohne sich von Europa zu viel zu versprechen, also die Lehrstelle oder den coolen Job. Ich rede auch nicht vom Frieden. Das wissen alle, dass Europa dem Kontinent Frieden beschert hat – aber niemand würde mir glauben, wenn ich wie der panisch gewordene britische Premier drohte, dass ohne Europa wieder Krieg herrschte. Ich erzähle nicht, wie es früher war, noch zu meiner Schulzeit, als meine Klassenkameraden beim Austausch mit der Partnerschule in Lothringen Schwierigkeiten hatten, eine französische Gastfamilie zu finden, weil die Großeltern keinen Deutschen im Haus haben wollten, während ich als Einwandererkind überall gern aufgenommen wurde. Dass sie in Frankreich ungern gesehen werden, erschiene jungen Deutschen von heute doch sehr theoretisch.«

»Überlegt mal, was wäre, wenn Deutschland sich wieder als Volksgemeinschaft verstünde. Oder Frankreich. Oder England. Würde das eure Realität abbilden, die Gesellschaft, in der ihr aufgewachsen seid? Überlegt mal, was ein Europa der Vaterländer bedeuten würde, von dem die Rechtspopulisten immer reden: Wie viele von euch gehörten dann nicht mehr dazu?«

 »Es entsteht sofort ein Gespräch, zumal die kulturelle Vielfalt der heutigen westeuropäischen Gesellschaften nur der Anfang ist. Denn ich frage die Schüler auch, ob sie ernsthaft wollen, dass Homosexualität wieder diskriminiert würde und jemand ihnen vorschreibt, wen sie wann und wie zu lieben haben. Ob sie in der Schule ausschließlich deutsche Literatur lesen wollen, erklärt nur von Deutschen? Ob sie den Klimawandel für eine Erfindung halten, über die Einführung der Todesstrafe nachdächten oder die Gewaltenteilung abschaffen wollten?«

 

Und ein paar übergeordnete Gedanken zum Austritt formuliert Navid Kermani im Deutschlandfunk-Interview:

»Nicht jeder, der gegen Europa ist, ist ja Nationalist oder Rassist sogar. (…) Das Problem ist und das zeigt sich doch jetzt auch wieder sehr klar im britischen Wahlkampf: Sie bekommen den Nationalismus, die Rückkehr zur Nation nicht ohne ihre Schattenseiten. […] Aber wir haben einen Europäischen Gerichtshof, wir haben den Straßburger Gerichtshof und wir haben vor allem europäische Werte, die gerade nicht national sind. Es geht ja nicht darum, die Nationen abzuschaffen. Das wäre ja ganz schrecklich, wenn die Deutschen nicht mehr Deutsche wären, die Franzosen nicht mehr Franzosen. Unsere Kultur, die besticht ja gerade durch ihre Vielfalt. Aber was Europa geschafft hat: Es hat die Nationalstaaten politisch entschärft. Es hat ihnen die Reißzähne genommen und sie dadurch auch wieder attraktiv gemacht. Dass wir heute so jubeln können, wenn Deutschland gewinnt, das hat doch auch gerade damit zu tun, mit der Verankerung in Europa. Das heißt, gerade in Europa können wir auch die Kulturen pflegen. Wir können unsere Heimat wertschätzen, wir können sie lieben. In dem Augenblick, wo es Europa nicht gäbe, würde all das wieder sehr, sehr gefährlich werden, weil wir dann diejenigen definieren würden, die nicht dazugehören. Genau dafür brauchen wir Europa und genau dafür brauchen wir Europa umso mehr in der Zukunft, weil diese Gesellschaften ja nicht monokultureller werden.«

 

* Navid Kermani setzt sich für Menschenrechte und europäische Flüchtlingsrechte ein. 2015, auf dem Höhepunkt der europäischen Flüchtlingskrise, reiste er entlang der Flüchtlingsrouten und berichtete von seinen Erlebnissen in einem beeindruckenden Buch: Einbruch der Wirklichkeit nannte er es. Kermani ist Fiedenspreisträger des deutschen Buchhandels, – für das Jahr 2015. Seine großartige, politikkritische, gleichwohl doch immer humanistische Paulskirchenrede zum Nachhören.

 

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About Auerbach

Australian-German artist-designer-publisher, with a passion for politics, currently based in Frankfurt and London. Covering a wide range of artistic production in the Visual Arts - exhibitions, design, curatorial. Zylvia has designed several publications for major art book publishers.

8 responses to “Von Kosten und Schattenseiten”

  1. Auerbach says :

    Hat dies auf montagfrei rebloggt.

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  2. justrecently says :

    Die Frage drängt sich mir auf, wen Kermani mit „wir“ und „uns“ meint. In den letzten dreißig Jahren hat „Europa“ (hier ebenfalls nicht im geographischen Sinne gemeint) eine Neoliberalisierung zugelassen, mit der ein stillschweigender Gesellschaftsvertrag gebrochen wurde: ein Vertrag, dem zufolge zwar sowohl erheblicher Wohlstand als auch drückende Armut möglich waren, in denen aber die Wohlhabenden und Mächtigen Grenzen respektierte – und damit auch die mit weniger „gesellschaftlicher Teilhabe“ ausgestatteten Mitbürger.

    Früher hieß das: es wird nie ganz gut, aber es wird besser, auch für die Benachteiligten.
    Heute heißt es: an ever closer union.

    Man kann dazu stundenlang Vorträge halten. Der asoziale Gorilla im Wohnzimmer wird denen geduldig zuhören. Aber er wird nicht weggehen. Davon nicht.

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    • Auerbach says :

      »Die Frage drängt sich mir auf, wen Kermani mit „wir“ und „uns“ meint. «

      Ich versuche es mal: Mit „Wir“ meint Kermani immer auch sich. Er nimmt sich nicht aus, zählt sich dazu; betrachtet das Ganze nicht allwissend, von oben herab.

      Sehr sympathisch.

      Dass »eine Neoliberalisierung zugelassen [wurde], mit der ein stillschweigender Gesellschaftsvertrag gebrochen wurde … «,

      keine Frage, so ist es, das sehe ich genauso. Warum, wie konnte das passieren?
      Weil das Selbstverständnis ein anderes war, vor der Krise. Bürger dachten allgemein, es würde im Großen und Ganzen irgendwie immer weiter nach vorne gehen; für die Allermeisten gab es keine Gründe am Forschritt der Zivilisation oder den aufgeklärten Absichten ihrer Mitmenschen zu zweifeln.

      Bis dann die Finanzkrise den fauligen Bodensatz eines neoliberalen, deregulierten Raubtierkapitalismus nach oben spülte und schlagartig die verantwortungslosen, zerstörerischen Machenschaften der Verantwortlichen offen legte. Plötzlich wurde die unterschwellige Dynamik offensichtlich: Geld. Bereicherung auf Kosten der Schwächeren.

      Weggehen wird das erst, wenn neue Leute an der Macht sind. Eine ganz junge neue Generation, die Werte statt Geld vertritt. Keine korrupten Technokraten der Macht wie Juncker, Merkel, Schäuble, Gabriel, Green, Hill, Blair, Cameron … wie sie alle heißen. Menschen mit Idealen an die Macht, wie Corbyn!

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    • Auerbach says :

      Ein Lesetipp: Kurt Seifert aus der Freitags-Community hat für Theoriekritik eine tolle Rezension des Michael Jäger Buches gemacht, die zeigt: Das Problem ist ein sehr sehr altes. Älter als die letzte große Finanzkrise. Hier, die Buchbesprechung. Unbedingt lesenswert !! http://www.theoriekritik.ch/?p=2802

      »Links und rechts: Seit den Zeiten der Französischen Revolution werden so die politischen Kräfte charakterisiert. Die Linke steht für «Fortschritt», was auch immer das bedeuten mag, die Rechte für «Bewahrung», auch wenn darin etwas ganz anderes als das mit dem Begriff Gemeinte zum Ausdruck kommen kann. In den meisten westlichen Demokratien gab es bis vor kurzem zwei dominierende Volksparteien oder zwei Blöcke, die um die politische Macht kämpften und die sich in zumeist unregelmässigen Abständen in der Regierung abwechselten. Diese dokumentieren eine politische Spaltung in der Bevölkerung – die einen zählen sich eher zur Linken, die anderen eher zur Rechten.«

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    • justrecently says :

      Bürger dachten allgemein, es würde im Großen und Ganzen irgendwie immer weiter nach vorne gehen; für die Allermeisten gab es keine Gründe am Forschritt der Zivilisation oder den aufgeklärten Absichten ihrer Mitmenschen zu zweifeln.

      Mir scheint, es gibt „in der Mitte der Gesellschaft“ mehr Unbehagen als früher, aber keine grundlegenden Zweifel. Die Mehrheit stabilisiert den Status quo, und wenn sie weiter absteigt, wird sie, fürchte ich, eher Nihilismus als Werte praktizieren. (Auch die junge Generation würde ich nicht zu idealistisch sehen – mir scheint sie über Schichten hinweg eher opportunistisch bzw., je nach ihren Möglichkeiten, angepasst oder verstockt.)

      Will sagen: ich zweifle nicht an Kermanis guten Absichten. Aber das Establishment – das er ja auch nicht pauschal verurteilen würde – hört ihm allzu gern zu. Erinnert mich an eine Kirchengemeinde, deren Pfarrer auch Flachwitze aus der „Hörzu“ hätte vorlesen können, weil eh keiner auf das hörte, was er sagte, sondern sich eine Predigt lang Modulationswellness gönnte.

      Was ’ne schöne Stimme – und so deutlich! (Mit deutlich meinten die alten, etwas schwerhörigen Zuhörer die Lautstärke, nicht die Botschaft.)

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      • Auerbach says :

        Zoe Williams hatte heute im Guardian eine tolle Liste: »Brexit fallout: Six practical ways to help fix this mess« (http://www.theguardian.com/politics/2016/jun/28/brexit-fallout-six-practical-ways-to-fix-this-mess?CMP=share_btn_tw)

        – As the remain camp tries to pick up the pieces after the EU referendum result, what can ordinary people do to make things better? Here’s a handful of ideas to get started
        1. Stop calling for a second referendum
        2. Forget about the Conservative party
        3. Show solidarity with immigrants and refugees
        4. Insist upon a snap general election as a matter of common sense
        5. Get on and build
        6. Turn up

        Hier, the Man! Ganz groß Mr. Mason auf der Corbyn IN-Tories OUT-Rally: »We need to dü stuff, we need to get 100 new MPs into politics, people from ethnic minority groups, women, disabled people, people who know about the hardships.«

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    • justrecently says :

      Ein Lesetipp: Kurt Seifert aus der Freitags-Community hat für Theoriekritik eine tolle Rezension des Michael Jäger Buches gemacht

      Jau – das Buch muss ich haben, dem gehe ich noch nach.

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  3. Auerbach says :

    Aber noch mal zu Kermani: Warum er so wichtig ist, ist diese Menschlichkeit. Diese Liebe zu den Menschen, die er verstrahlt.

    Er hasst nicht. Er liebt. Das Leben und die Menschen. Wenn es kalt da Draußen wird, in Zeiten des Hasses und der Ausgrenzung, sind liebende Menschen der Rettungsanker. Finde ich. Kermani tut einfach gut, Balsam auf den Wunden. Ihn lesend, ihm zuhörend erinnern wir uns, es gibt etwas außerhalb des täglichen Überlebenskampfes: Liebe.
    Versöhnung. Wärme, inmitten sozialer Eiszeit. Etwas, das uns – die von der alltäglichen Barbarei zu Monstern entstellten – plötzlich wieder zu Menschen werden lässt. Ich verwandle mich, werde mehr Mensch, wenn ich Kermani lese. Das ist so unendlich wichtig und überhaupt eine Riesenleistung von ihm, dieses Gegendenstromschwimmen, nicht in den großen Chor mit einzustimmen. Guter Mann! :)))

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