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Gewalt– aus Mangel an Empathie?

empathie

Massenmord, IS, lachend auf Gegner einschlagende ‚Erdoğan- Demokraten‘. Dabei möchte die Verfasserin sich nur noch mürrisch-zur Kenntnis-nehmend ihrem Alltag widmen.

Aus aktuellem Anlass ein Gastbeitrag von der Freitag Autorin und Bloggerin Anne Mohnen

 

WISSEN. Menschen schlagen zu, werden kriminell, gar Massenmörder. Die Motive mögen vielfältig sein. Jedoch die Ursache dafür sei oftmals, dass sie weder sehen noch spüren, was sie anderen (und sich) damit antuen. Jedenfalls ist das die gängige Meinung von Fachleuten. Infolgedessen laufen auch hierzulande Maßnahmen, Gewalttäter einschließlich Totschläger, Vergewaltiger in Empathie zu trainieren. Ob es hilft, ist keineswegs bewiesen.

Inzwischen werden sogar die Prämissen in Zweifel gezogen. Der Sozailpsychologe David Vachon und seine Co-Autoren haben 86 Studien ausgewertet. Überprüft wurde, ob Aggression und Empathie zusammenhängen.

Die Psychologen unterscheiden dabei zwei Varianten von Empathie. Bei der einen geht es darum, ob Menschen gedanklich verstehen, was in anderen vorgeht. Es stellt sich heraus, dass die Fähigkeit, sich in andere gedanklich zu versetzen, keineswegs dazu führt, friedlich zu bleiben. Das überraschte die Wissenschaftler nicht wirklich. Erstaunt hingegen waren die Wissenschaftler darüber, dass es wohl kaum darauf ankommt, ob jemand Mitgefühl für andere empfindet.

Dieser Befund sei ausgesprochen beunruhigend angesichts der bedeutenden Rolle, die Empathie derzeit bei der Diagnose von Aggressionsstörungen, der vorausschauenden Einschätzung möglicher Gefährlichkeit und der Behandlung von Straftätern spiele, fassen Vachon et al. alarmierend ihre Auswertungen zusammen.

Muss fehlende Empathie allein noch kein Problem evozieren, so zeigen erste Forschungsergebnisse: Menschen werden gefährlich, wenn ihnen die Gefühle anderer Menschen nicht bloß egal sind, vielmehr wenn sie andere gerne leiden sehen.

Literatur: Vachon, D.D., Lynam, D.R., & Johnson, J.A. (2014). The (non)relation between empathy and aggression: Surprising findings from a meta-analysis. Psychological Bulletin, 140, 751-773.

 

ANNE MOHNEN, Juli 2016

Erdogans Putsch

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Ebenfalls zu diesem Thema: Morning Roundup, 19.07.16, by Auerbach

Schlafen sei „haram“, also religiös verboten, zitierte am Montag der Kurzwellensender „Stimme der Türkei“ den Ministerpräsidenten des Landes, Binali Yildirim. Bei allem revolutionären Elan allerdings ließ Yildirim das Bruttosozialprodukt nicht außer Acht: die Bürger sollten „am Tag arbeiten und am Abend die Wache für die Demokratie auf den öffentlichen Plätzen halten.“

Seit November 2002 wird die Türkei von der AKP regiert. Was linke politische Führer nicht konnten und neoliberale politische Führer nicht wollten, das schreiben viele Türken der AKP als Erfolg zu: eine Politik des sozialen Ausgleichs. Dabei gilt die AKP im Westen durchaus als neoliberale – und lediglich „sozial konservative“ – Partei. Auch mit der AKP, fand man in Brüssel, Berlin und Washington, ließen sich gute Geschäfte machen.

Vielleicht kommt man der scheinbaren Einheit Erdogans und des „nationalen Willens“ der Türkei näher, wenn man die Herkunft des Präsidenten ins Auge fasst: er kam aus der Unterschicht, und er war ein Aufsteiger. Jede Beleidigung gegen den Ministerpräsidenten – und es gab viele davon, just gegen Erdogan – wurde von einem Heer chronisch gekränkter Unterstützer an der Basis als Beleidigung des Türkentums interpretiert.

In den letzten Jahren seiner amtlichen Regierungszeit – faktisch regiert er bis heute, und das mit immer noch wachsender Machtfülle – verschleuderte Erdogan viel internationalen Respekt für die Türkei: mit seinem imperialistischen Engagement in Syrien, mit einer mehrjährigen, intensiv gepflegten Feindschaft mit Israel, mit einer türkischen Auto-Agression gegen die kurdischen Staatsbürger der Republik, oder mit einem wohl eher ungewollten Konflikt mit Russland. Und in der EU dürften nach dem Putsch vom 15. Juli, den Erdogan nun zu dem seinen macht, alle Illusionen über ein konstruktives Zusammenwirken mit der AKP-Türkei verflogen sein.

„Stimme der Türkei“ meldete am Sonntag,

Der Staatspräsident [Erdogan] sagte, die Putschisten seien innerhalb der türkischen Streitkräfte ein Tumor, der nun gesäubert wurde. Er dankte den Justizeinrichtungen, die Haftbefehle gegen diese Personen erlassen haben.

Wenn es stimmt, dass, wie heute von der britischen Nachrichtenagentur Reuters gemeldet, seit dem Putschversuch vom 15. Juli fast zwanzigtausend Angehörige der Polizei, des öffentlichen Dienstes, der Justiz und der Armee verhaftet oder unter Verdacht gestellt worden seien, dürfte einleuchten, warum Erdogan sich bei seinen Vollstreckern „bedankte“: von selbst verstehen sich diese Säuberungen nicht – jedenfalls nicht unter rechtsstaatlichen Voraussetzungen.

Dass Tausende von Konspirateuren Kenntnis von dem sich anbahnenden Putsch gehabt hätten, darf ebenfalls bezweifelt werden – unter solchen Voraussetzungen lässt sich ein solcher Coup lange vor seiner Ausführung unterbinden.

Es geht bei diesen Massenverhaftungen nicht um den unmittelbaren Putschverdacht. Es geht um das „richtige“ und das „falsche Denken“. Also in erster Linie um die Frage, ob die Verhafteten und Eingeschüchterten auf der Seite Erdogans stehen, oder auf der Seite Fethullah Gülens, dem die AKP die Urheberschaft des Putschversuchs anlasten möchte.

Das hat zwei Vorteile: zum einen sind Erdogan und Gülen, ursprünglich Weggefährten, seit Jahren in einem Streit miteinander verwickelt – Erdogan nimmt seine möglicherweise letzte Chance wahr, seinen mittlerweile zum Erzfeind geratenen Opponenten und seine Netzwerke in der Türkei zu schwächen.Und zum anderen kann mit diesem Mittel das türkische Miltär als unschuldig und allenfalls „unterwandert“ dargestellt werden – gerade so, als wären Militärputsche nicht Teil der türkisch-republikanischen Geschichte.

Auf diese militärische Unschuld zumindest haben sich offenbar auch die im türkischen Parlament vertretenen Parteien einigen können. Darin allerdings liegt auch einer der wenigen ermutigenden Punkte der vergangenen halben Woche: Erdogans Gegner halten zur türkischen Verfassung – noch gibt es zur AKP rechtsstaatliche Alternativen.

Dass Erdogan von vielen seiner Anhänger für die Verkörperung des Türkentums gehalten wird, wird kein Grund für alle Türken sein, dieser Täuschung zu verfallen. Aber auch – z. B. – Deutsche sollten sich vor einem solchen Irrtum in Acht nehmen.Die Bereitschaft in Deutschland, die Türkei als für Rechtlichkeit und Rechtsstaatlichkeit hoffnungslosen Fall abzuschreiben, ist erstaunlich weit verbreitet – und das ist ebenso irrational wie jene Art „Türkentum“, welches die AKP für sich monopolisieren möchte.

Erdogan allerdings will jetzt die ganze Macht. Entsprechend skrupellos handelt er – für die nächste Zeit müssen die Türkei und das Ausland mit schlimmen Szenarien rechnen.

Bewahrheiten sie sich, kann es dazu kommen, dass Türken in beträchtlicher Zahl Asyl in Deutschland suchen. In einem solchen Fall ist Großzügigkeit angesagt. Sollte eine pluralistische türkische Öffentlichkeit in der Türkei nicht mehr möglich sein. muss ihr Überleben im Ausland ermöglicht werden – im türkischen und im europäischen Interesse.

TERROR-ANGST: Katze trägt Sprengstoffgürtel

Presseschau in Europe

Presseschau

Augenmaß? Fehlanzeige. Auch die BBC, die sich einmal etwas auf ihre nüchterne Haltung zu Gute hielt, schwelgt im Blut und Elend der Toten und Schwerverletzten von Nizza. Das liest sich so:

In Bildern: Anschlag in Nizza
Die Hölle ist losgebrochen
Du konntest die Angst in den Gesichtern der Menschen sehen
Es war totales Chaos

Etc. Man kennt das ja aus den Medien zu Hause. Noch jemand ohne Angst? Hier werden sie geholfen.

Klassische Kriege gingen irgendwann zu Ende – mit Sieg und Niederlage, oder nur mit Verlierern.

Auch die inneren Konflikte in den arabischen und europäischen Ländern – zugegeben mit unterschiedlichen Tiefen der Zerstörungskraft – werden nicht ewig dauern. Die Frage ist nur, wie lange sie andauern werden, und auf welche Weise sie enden.

Die Antwort des französischen Präsidenten auf den Anschlag von Nizza bestand darin, den Ausnahmezustand um drei Monate zu verlängern, anstatt ihn, wie ursprünglich geplant, aufzuheben. (Passend dazu, für die arabische Nachbarschaft östlich des Mittelmeers: Macht und Militäraktionen in Syrien.)

Vielleicht meinte der französische Präsident, aus technischen oder politischen Gründen keine andere Wahl zu haben. Aber es ist die falsche Wahl. Es ist ein weiterer Schritt in Richtung Machtkonzentration, zu Lasten der Grundrechte. Eine offene Gesellschaft aber braucht die Grundrechte – nicht schriftlich, sondern praktiziert – wie die Luft zum Atmen.

Was eine offene Gesellschaft außerdem braucht: die Bereitschaft, ein – unter Umständen erhebliches – Maß an Gewalt auszuhalten, sie mit möglichst viel Fassung und möglichst wenig heißer Luft zu ertragen. Natürlich ist es ein Unterschied, ob ein Mensch versehentlich eine Karambolage auf der Autobahn auslöst, oder ob er sich mit der Absicht zum Massenmord ans Steuer eines Fahrzeugs setzt. Aber man ahnt die flächendeckende Antwort auf Variante 2: im Auto der Zukunft gibt der Fahrer, pardon, Fahrgast, seine Strecke ein, und das Auto übernimmt. Eingreifen des Ex-Fahrers ausgeschlossen. Bei verdächtigen Eingaben ins GPS-System verriegelt sich der Wagen automatisch und ruft die Bullen.

Denn nichts ist gefährlicher als ein Fahrer – egal, wie wenige Meter odder wie viele Tausend Kilometer von dir entfernt.

Der Bürger ist gefährlicher als ein Hund oder eine Katze. Darum hat er als schuldig zu gelten, so lange er nicht das Gegenteil bewiesen hat: dass er nichts zu verbergen habe. Und wenn’s dann erreicht und der Bürger gläsern ist, trägt die Katze Sprengstoffgürtel und muss ebenfalls überwacht werden.

Eine Übertreibung? Nein. Wir sind zwar noch nicht an diesem schlechten Ziel angekommen, aber wir sind auf dem Weg, und wir kennen nur noch eine Richtung: den Polizeistaat.

Wenn wir nicht aufhören, uns selbst Angst zu machen, werden wir das schlechte Ziel erreichen.

Morning Roundup (2): Wochen, die sich wie Jahre anfühlen

  • Andauernde Bankenkrise
  • Bankenbailout 2.0: Deutsche Bank Chef träumt von 150 Mrd. Geldspritze
  • Gute Ideen. Wohin bloß mit dem vielen Geld?
  • Viel Herz. Goldene Palme für Ken Loach mit I, Daniel Blake
  • Jürgen Habermas über Demokratie
  • #BREXIT 2. Akt. Theresa May übernimmt Camerons Job
  • TTIP wird weiter durchgedrückt
  • #PORFRA. Auch ohne Ronaldo. Millionenablöse für Fussballstars, im Hintergrund Tränengaswolken für Demonstranten
  • Foto der Woche

 

»What political economists worry about, however, is the absence of a plan. Or a leadership. Or whether the public has consented to be governed by an elite that no longer understands what it is doing.« Paul Mason, Guardian

 

Im achten Jahr der historischen Lehman Brothers Bankenpleite zeigt sich überdeutlich, Regierungs-, Finanz- und Bankenkrisen haben eines gemeinsam: Sie werden von sogenannten Experten ausgelöst, die keinen Plan haben. Technokraten der Macht und semi-religiöse Ideologen eines Glaubens an Wachstum und magische Geldvermehrung. Experten deregulierter Märkte, die über ein halbes Jahrhundert predigten, dass, wenn es nur den Reichen gut genug ginge, es für alle reichen würde. Der illusionäre „Trickle-Down-Effekt“ sorge am Ende schon dafür, dass allen genug für ein menschenwürdiges Dasein bliebe.

Nun stellt sich plötzlich heraus, nein, es stimmt nicht. Es ist nicht genug für alle da. Den „Trickle-Down-Effekt“, den gibt es gar nicht. Im Gegenteil, seit Jahren beobachten wir eine beispiellose Konzentration des Kapitals während die Bevölkerung einen immer härteren Kampf um Jobs und Zukunftsperspektiven erlebt.

Krisen, die Hebel der Geldvermehrung für die Reichen, wenn Staatseigentum wie beispielsweise in Griechenland privatisiert wird (siehe Flughäfen und Hafenanlagen in Griechenland). Keinen Plan. Und kein Verantwortungsbewusstsein.

 

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»Whatever the founding ideals of the eurozone, they don’t match up to the grim reality in 2015. This is Thatcher’s revolution, or Reagan’s – but now on a continental scale. And as then, it is accompanied by the idea that There Is No Alternative either to running an economy, or even to which kind of government voters get to choose.

The fact that this entire show is being brought in by agreeable-looking Wise Folk often claiming to be social democratic doesn’t render the project any nicer or gentler. It just lends the entire thing a nasty tang of hypocrisy.« AGreece is a sideshow. The eurozone has failed, and Germans are its victims too, Guardian

 

 

Alle berichten über marode italienische Banken, aber sind die wirklich das Problem?

Die hängt mit 55 Billionen Euro (55.000 Mrd.) an Derivaten im Schlamassel. Bei einer Eigenkapitalquote von 3%! ––Wie wünsche ich mir so eine Eigenkapitalquote. Was wäre nicht alles möglich, ließen die Banken diese Regeln auch für ihre Kunden gelten. Allein, die Realität – wie wir alle wissen –, sieht anders aus.

Und nun hätte sie gern 150 Milliarden Euro an staatlichen Zuschüssen. Geld vom Steuerzahler also, wegen der Systemrelevanz. Die im Fall der Deutschen Bank tatsächlich vorhanden ist, da kaum eine andere Bank mehr Verflechtungen im Bankenwesen aufzuweisen hat. Irgendwie krass.

Stellt sich die Frage: Was haben die Jungs und Mädels in den Banken und der Politik eigentlich seit Lehman Brothers genau gemacht? Das würde mich schon mal interessieren. Wie kann es sein, dass alles beim Alten geblieben ist, nur noch doller, größer und vor allem gefährlicher für alle anderen?

 

 

+++ Wohin nur mit dem Geld? +++

Warum jetzt, wo doch die Zinsen niedrig sind, kein Geld in Infrastruktur investieren? Richtige und wichtige Ideen skizziert Mark Schieritz in seiner Kolumne in der Zeit, Wohin nur mit dem ganzen Geld, wenn er schreibt:

»Wolfgang Schäuble hat es wieder geschafft. Zum dritten Mal hintereinander hat der deutsche Finanzminister einen Haushalt vorgelegt, der ohne frische Schulden auskommt. In normalen Zeiten wäre dies Anlass genug für ein Loblied auf den obersten Kassenwart, der sich wieder einmal gegen all seine Widersacher durchgesetzt hat. Die Frage ist nur: Wie normal sind die Zeiten?

»Das kann aber kein Grund dafür sein, einfach zur Tagesordnung überzugehen. Warum wurde beispielsweise noch keine Kommission eingesetzt, die Projekte identifiziert, die den Zustand der Welt verbessern würde – vielleicht sogar auf der Ebene der G 20? Wo bleiben die Initiativen gegen den Klimawandel oder für einen besseren Zugang zu Bildung und Ausbildung? Am Geld muss die Umsetzung jedenfalls derzeit nicht scheitern.

»Wir erleben derzeit zwar einerseits eine historisch wahrscheinlich beispiellose Ballung globaler Probleme. Doch weil die Finanzmärkte mangels alternativer Investitionsmöglichkeiten dem Staat Geld zum Nulltarif anbieten, eröffnen sich zugleich erhebliche politische Handlungsspielräume zur Lösung eben dieser Probleme. […] Doch eine Finanzpolitik, die auf der Höhe der Zeit sein will, würde diese einmalige Gelegenheit nutzen.« Mark Schieritz, Wohin nur mit dem ganzen Geld, die Zeit

 

 

+++ Viel Herz. Goldene Palme für Ken.

Es ist zwar schon ein paar Wochen her, aber im BREXIT-Chaos sollten wir nicht die wirklich wichtigen Dinge vergessen, um die es geht. Mehr Chancen, mehr Verteilungsgerechtigkeit. Kurz, ein besseres Leben für alle.

Für seine bewegende, politische Anklage menschenverachtender Verhältnisse – I, Daniel Blake –, ein Film über die Büroktatie, die englische Arbeitslose über sich ergehen lassen müssen, gewann Ken Loach in diesem Jahr die Goldene Palme von Cannes.

Schattierungen von Charles Dickens und George Orwell schimmern auf, in diesem mutigen, gefühlvollen Drama über einen behinderten Mann, der, erdrückt von Auflagen und Regulierungen um seine Selbstachtung kämpft. Und gewinnt. Ein großartiger Film.

https://embed.theguardian.com/embed/video/film/video/2016/jun/15/i-daniel-blake-trailer-ken-loach-palme-dor-winner-video

 

Von Armut spricht auch die amerikanische Journalistin in ihrem mutigen, erschütternden Bericht über Gelegenheitsjobs und ihr eigenes Überleben — I Know Why Poor Whites Chant Trump, Trump, Trump.

 

 

+++ Habermas über Demokratie +++

Leseempfehlung

 

+++ Theresa May (#BREXIT 2. Akt) +++

Mit Theresa May besteigt am Mittwoch eine weitere europäische Staatschefin den Thron ohne gewählt, ohne vorher demokratisch legitimiert worden zu sein. Neuwahlen sind denn auch wenig überraschend, nach ihren gestrigen Aussagen, nicht Mays drängendstes Anliegen.

»Theresa May’s conveniently short walk to Downing Street is designed to combat the impression that nobody is in control. But without a major change in policy, we are still rudderless on a churning financial sea.« Paul Mason, Guardian

 

As with Britain’s first female prime minister, May’s elevation represents a victory for some women, but they’re the women who need the least help.

 

 

 

 

 

+++ TTIP wird weiter durchgedrückt +++

Verhandlungen TTIP in Brüssel wieder aufgenommen. In der 14. Verhandlungsrunde stehen u.a. Energie und Handel mit Rohstoffen zur Disposition.

TTIP Verhandlungen waren zuletzt vom Bekanntwerden geheimer Verhandlungspapiere belastet worden.

 

#PORFRA. Auch ohne Ronaldo

Entertainment vor dem Hintergrund politischer Demonstrationen

#PORFRA. Portugal gewinnt – auch ohne Ronaldo – seinen ersten EM-Titel. Éder schießt Potugal ins 1:0 gegen Frankreich nach Verlängerung.

Superkicker Ronaldo bereits in der 8. Minute verletzt, in der 25. unter Tränen auf einer Bahre vom Platz getragen, steht in der zweiten Halbzeit wild gestikulierend neben Portugals Trainer am Rand des Spielfelds, der Mannschaft Tipps zurufend, um sich dann am Spielende buchstäblich vor der Welt zu entblößen und unter Freudentränen, den Eimer abknutschend, mit gestältem Sixpack zu zeigen wie ein echter Gewinner aussieht. Großes Kino. Vor allem aber, mit mehreren 100 Millionen Euro Ablösesumme, Kapitalismus pur. Im Hintergrund – außerhalb der Fanmeile –, direkt hinter dem großen Display wird auf Demonstranten geschossen, mit Tränengas. Auf engagierte, mutige Menschen, die gegen eine Verschärfung der französischen Arbeitsmarktgesetze protestieren. Sie passen nicht ins Bild der Feierlichkeiten und folglich wird darüber auch kaum berichtet. Schade.

+++ Photo der Woche +++

Medien: On-Message, weil’s gefällt

Propaganda hat mindestens zwei Seiten. Sie soll die Öffentlichkeit dazu veranlassen, das zu fordern, was die Autoren einer Politik ohnehin schon wollen. Sind Druckmittel für die Anwender von Propaganda keine Mittel erster Wahl, muss Propaganda aber auch etwas können, was die Öffentlichkeit ihr mehrheitlich gar nicht zutraut: sie muss so argumentieren, dass eine Mehrheit – oder je nach Möglichkeit eine Minderheit als hinreichend kritische Masse – sie nicht nur zustimmungswürdig, sondern zustimmungsnotwendig findet.

The Genius leads the spectators: engineering of consent in its early stages.

Publikum Nummer Eins: Engineering of Consent in seiner primitiven Phase.

Der Grund dafür, dass die meisten großen und kleinen Medienorganisationen auf vielen Gebieten vorhersehbar argumentieren – jede auf ihre Weise – liegt in den Interessen ihrer Kapitalgeber. Die Vorhersehbarkeit hat aber auch damit zu tun, dass Leser von den Medien ihrer jeweiligen Wahl Orientierung erwarten. Zu viele innere Widersprüche – von Autor zu Autor – würden die meisten Leser nur verunsichern. Das gilt im Allgemeinen nicht nur für Massenmedien und ihr Publikum; das gilt für kleine Meinungs- und Aktionsgruppen mit ihren Medien mindestens ebenso.

Bei Massenmedien muss man unterscheiden zwischen der „Bezahlzeitung“ (digital oder gedruckt) und dem, was für den Leser kostenlos online gepostet wird. Wer für den Artikel nichts bezahlen musste, ist vergleichsweise geneigt, ihn auch dann zu lesen, wenn er nicht seiner Meinung entspricht, und sei es nur, um ihm da, wo es schnell getan ist, umgehend zu widersprechen.

Aber wer bezahlt hat, will üblicherweise das lesen, was er ohnehin schon glaubt.*) Und das kriegt er auch.

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*) Ein interessanter Grenzfall ist der per Haushaltsabgabe finanzierte Rundfunk. Bei seiner Finanzierung kommt tatsächlich ein Druckmittel zur Anwendung, das sich – z. B. steuergeldfinanziert – unauffälliger gestalten ließe, dessen Auffälligkeit aber beabsichtigt ist.

Morning Roundup: Forever Ingeborg

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Was wäre, wenn Ingeborg Bachmann heute noch lebte?

 
Am 25. Juni 2016, wäre Ingeborg Bachmann 90 Jahre alt geworden.

Im Juni 1973 in Rom, in ihrem letzten großen – und wohl politischsten – Interview, sprach Ingeborg Bachmann mit der Journalistin Gerda Haller über Literatur und Gesellschaft. Sie kritisierte den Kapitalismus vehement.

»Und ich glaube nicht an diesen Materialismus, an diesen Kapitalismus, an diese Ungeheuerlichkeit, die hier stattfindet, an diese Bereicherung der Leute, die kein Recht haben, sich an uns zu bereichern.«

»Ich glaube wirklich an etwas, und das nenne ich ‚Ein Tag wird kommen‘. Und eines Tages wird es kommen, ja, wahrscheinlich wird es nicht kommen, denn man hat es uns ja immer zerstört. Seit so vielen tausend Jahren hat man es immer zerstört. Es wird nicht kommen, und trotzdem glaube ich daran, denn wenn ich nicht daran glauben kann, kann ich auch nicht mehr schreiben.«

Ingeborg Bachmann. Ein Tag wird kommen. Gespräche in Rom. Ein Porträt von Gerda Haller (Perlentaucher)

 

Ein Buch des Interviews: Ein Tag wird kommen. Gespräche in Rom. Ein Porträt von Gerda Haller. Mit 1 CD. (Den Film von 1973 konnte ich im Netz leider nicht mehr finden.)

»Auf dem Grund ist Dunkelheit genug«. Die Lange Nacht der Ingeborg Bachmann, Auszüge aus dem Manuskript, Buchtipps, CD-Tipps und Links aus dem Archiv.

Und zum Abschluss noch einen Artikel, der Überlegungen über die Aktualität der Werke Bachmanns anstellt und die Autorin gebührend feiert: Ingeborg Bachmann – Phänomenales Gedächtnis ganz aus Flimmerhaar. Von Hans Höller im Standard, 25.Juni 2016.

 

 

+++ Wettlesen in Klagenfurt – »DSDS für Streber« (Stephanie Sargnagel) +++

Die Autoren des Bachmann-Preises 2016 +++ Die Lesereihenfolge +++ ABSTIMMEN am Samstag, 2. Juli 2016, von 15.00 bis 20.00 Uhr: An wen der mit 7.000 Euro dotierte  Publikumspreis gehen sollte. +++

Die PREISVERLEIHUNG wird am Sonntag, 3. Juli 2016, ab 11.00 Uhr, überträgen

 

 

+++ Der Fall Gina-Lisa Lohfink und die Verschärfung des Sexualstrafrechts +++

»Der Hass im Netz ist organisiert. Deswegen muss man auch Liebe organisieren.«

Der Berliner Aktivist Raúl Krauthausen*[1] trifft Kübra Gümüşay (Apell für organisierte Liebe im Netz, Republica 2016). Sie spricht über den Fall Gina-Lisa Lohfink *[2/3] und Hass, Liebe und Victim Blaming im Netz.

 

Weiterführende Links zum Thema Inklusion, Frauen und Pop

* [1] Krauthausen TV: Talk über Inklusion.

*  [2] Interview über die Leerstelle weiblicher Sexualität im Patriarchat mit Svenja Flasspöhler (Philosophie Magazin) »Sexualstrafrecht trifft Rousseau«, Kulturzeit 17.06.2016.

* [3] Warum Gina-Lisa Lohfink unsere Heldin ist – Von Gina-Lisa lernen, heißt siegen lernen. Von Mithu Sanyal, Missy Magazine

* [4] Pop-Kultur 2015. Pop-Kultur Is this a Woman’s World? Das Festival im Club Berghain fragte sich in einer mitternächtlichen Gesprächsrunde: Hat Pop ein Frauenproblem? von Stefan Bock (Freitags Community Blog, 31.08.2015). Die Ankündigung bei SPEX; und die Session im Stream, zum Nachhören hier.

* [5] Kerstin Grether, Doctorella, über Frauen in der Musikindustrie »Das ist doch grotesk!« (jetzt, 20.04.2007)

 

+++ gute Medienkritik +++

Begründete, heftige Kritik an der medialen Darstellung inszenierter Störaktionen bei Kundgebungen der Labour-Party auf denen Jeremy Corbyn sprach.

 

Was ist Arbeit wert?

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»We mustn’t allow ourselves to drift into a situation where only the already-wealthy can afford to be writers, and so it’s time to rebalance the scales a little

 

KÜNSTLERHONORARE. Sommer. Sonne. Kultur boomt. Der Verwaltungsapparat wächst, neue Administraltionsjobs sprießen schneller aus der Kultureventflut, als es britischen Konservativen gelingt, Anwärter auf das Premierministeramt medial zu erdolchen. Kultur für alle. »Künstler«, ist das Zauberwort. Open-Air Lesungen und Festivals, pittoresk eingebettet zwischen historischen Ortschaften und herrschaftlichem Schlossambiente sind oft millionenschwere Veranstaltungsevents, die nach eigenem Bekunden Künstlern dabei »helfen, Öffentlichkeit für ihre Arbeit zu generieren«. Nur, dass die Autoren und Künstler in vielen Fällen entweder schlecht oder überhaupt gar nicht für ihre Dienstleistungen vor Ort bezahlt werden.

Die Gewerkschaft Verdi empfiehlt, dass Autorinnen/Autoren für eine Lesung mit anschließender Diskussion ein Honorar in Höhe von 300 Euro erhalten. Allein die Realität sieht anders aus.

In den vergangenen Tagen wurde viel über England berichtet. Ungeachtet der sich vor unser aller Augen abspielenden #BREXIT-Farce wird auf der Insel seit einem halben Jahr heftig, vor allem aber konstruktiv, über Künstler- und Autorenhonorare gestritten.

Im Januar schmiss der Britische best-selling Kinderbuchautor Philip Pullman („Dark Materials“ und „Golden Compass“) nach 10 Jahren seinen Job beim Oxford Literary Festival – einem der größten und ältesten seiner Art – mit den Worten hin: »Because of the Oxford Literary Festival’s attitude to paying speakers (they don’t) I can’t remain as a patron any longer. I’ve resigned.«

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