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Morning Roundup (2): Wochen, die sich wie Jahre anfühlen

  • Andauernde Bankenkrise
  • Bankenbailout 2.0: Deutsche Bank Chef träumt von 150 Mrd. Geldspritze
  • Gute Ideen. Wohin bloß mit dem vielen Geld?
  • Viel Herz. Goldene Palme für Ken Loach mit I, Daniel Blake
  • Jürgen Habermas über Demokratie
  • #BREXIT 2. Akt. Theresa May übernimmt Camerons Job
  • TTIP wird weiter durchgedrückt
  • #PORFRA. Auch ohne Ronaldo. Millionenablöse für Fussballstars, im Hintergrund Tränengaswolken für Demonstranten
  • Foto der Woche

 

»What political economists worry about, however, is the absence of a plan. Or a leadership. Or whether the public has consented to be governed by an elite that no longer understands what it is doing.« Paul Mason, Guardian

 

Im achten Jahr der historischen Lehman Brothers Bankenpleite zeigt sich überdeutlich, Regierungs-, Finanz- und Bankenkrisen haben eines gemeinsam: Sie werden von sogenannten Experten ausgelöst, die keinen Plan haben. Technokraten der Macht und semi-religiöse Ideologen eines Glaubens an Wachstum und magische Geldvermehrung. Experten deregulierter Märkte, die über ein halbes Jahrhundert predigten, dass, wenn es nur den Reichen gut genug ginge, es für alle reichen würde. Der illusionäre „Trickle-Down-Effekt“ sorge am Ende schon dafür, dass allen genug für ein menschenwürdiges Dasein bliebe.

Nun stellt sich plötzlich heraus, nein, es stimmt nicht. Es ist nicht genug für alle da. Den „Trickle-Down-Effekt“, den gibt es gar nicht. Im Gegenteil, seit Jahren beobachten wir eine beispiellose Konzentration des Kapitals während die Bevölkerung einen immer härteren Kampf um Jobs und Zukunftsperspektiven erlebt.

Krisen, die Hebel der Geldvermehrung für die Reichen, wenn Staatseigentum wie beispielsweise in Griechenland privatisiert wird (siehe Flughäfen und Hafenanlagen in Griechenland). Keinen Plan. Und kein Verantwortungsbewusstsein.

 

Bildschirmfoto 2016-07-13 um 12.17.52

 

 

»Whatever the founding ideals of the eurozone, they don’t match up to the grim reality in 2015. This is Thatcher’s revolution, or Reagan’s – but now on a continental scale. And as then, it is accompanied by the idea that There Is No Alternative either to running an economy, or even to which kind of government voters get to choose.

The fact that this entire show is being brought in by agreeable-looking Wise Folk often claiming to be social democratic doesn’t render the project any nicer or gentler. It just lends the entire thing a nasty tang of hypocrisy.« AGreece is a sideshow. The eurozone has failed, and Germans are its victims too, Guardian

 

 

Alle berichten über marode italienische Banken, aber sind die wirklich das Problem?

Die hängt mit 55 Billionen Euro (55.000 Mrd.) an Derivaten im Schlamassel. Bei einer Eigenkapitalquote von 3%! ––Wie wünsche ich mir so eine Eigenkapitalquote. Was wäre nicht alles möglich, ließen die Banken diese Regeln auch für ihre Kunden gelten. Allein, die Realität – wie wir alle wissen –, sieht anders aus.

Und nun hätte sie gern 150 Milliarden Euro an staatlichen Zuschüssen. Geld vom Steuerzahler also, wegen der Systemrelevanz. Die im Fall der Deutschen Bank tatsächlich vorhanden ist, da kaum eine andere Bank mehr Verflechtungen im Bankenwesen aufzuweisen hat. Irgendwie krass.

Stellt sich die Frage: Was haben die Jungs und Mädels in den Banken und der Politik eigentlich seit Lehman Brothers genau gemacht? Das würde mich schon mal interessieren. Wie kann es sein, dass alles beim Alten geblieben ist, nur noch doller, größer und vor allem gefährlicher für alle anderen?

 

 

+++ Wohin nur mit dem Geld? +++

Warum jetzt, wo doch die Zinsen niedrig sind, kein Geld in Infrastruktur investieren? Richtige und wichtige Ideen skizziert Mark Schieritz in seiner Kolumne in der Zeit, Wohin nur mit dem ganzen Geld, wenn er schreibt:

»Wolfgang Schäuble hat es wieder geschafft. Zum dritten Mal hintereinander hat der deutsche Finanzminister einen Haushalt vorgelegt, der ohne frische Schulden auskommt. In normalen Zeiten wäre dies Anlass genug für ein Loblied auf den obersten Kassenwart, der sich wieder einmal gegen all seine Widersacher durchgesetzt hat. Die Frage ist nur: Wie normal sind die Zeiten?

»Das kann aber kein Grund dafür sein, einfach zur Tagesordnung überzugehen. Warum wurde beispielsweise noch keine Kommission eingesetzt, die Projekte identifiziert, die den Zustand der Welt verbessern würde – vielleicht sogar auf der Ebene der G 20? Wo bleiben die Initiativen gegen den Klimawandel oder für einen besseren Zugang zu Bildung und Ausbildung? Am Geld muss die Umsetzung jedenfalls derzeit nicht scheitern.

»Wir erleben derzeit zwar einerseits eine historisch wahrscheinlich beispiellose Ballung globaler Probleme. Doch weil die Finanzmärkte mangels alternativer Investitionsmöglichkeiten dem Staat Geld zum Nulltarif anbieten, eröffnen sich zugleich erhebliche politische Handlungsspielräume zur Lösung eben dieser Probleme. […] Doch eine Finanzpolitik, die auf der Höhe der Zeit sein will, würde diese einmalige Gelegenheit nutzen.« Mark Schieritz, Wohin nur mit dem ganzen Geld, die Zeit

 

 

+++ Viel Herz. Goldene Palme für Ken.

Es ist zwar schon ein paar Wochen her, aber im BREXIT-Chaos sollten wir nicht die wirklich wichtigen Dinge vergessen, um die es geht. Mehr Chancen, mehr Verteilungsgerechtigkeit. Kurz, ein besseres Leben für alle.

Für seine bewegende, politische Anklage menschenverachtender Verhältnisse – I, Daniel Blake –, ein Film über die Büroktatie, die englische Arbeitslose über sich ergehen lassen müssen, gewann Ken Loach in diesem Jahr die Goldene Palme von Cannes.

Schattierungen von Charles Dickens und George Orwell schimmern auf, in diesem mutigen, gefühlvollen Drama über einen behinderten Mann, der, erdrückt von Auflagen und Regulierungen um seine Selbstachtung kämpft. Und gewinnt. Ein großartiger Film.

https://embed.theguardian.com/embed/video/film/video/2016/jun/15/i-daniel-blake-trailer-ken-loach-palme-dor-winner-video

 

Von Armut spricht auch die amerikanische Journalistin in ihrem mutigen, erschütternden Bericht über Gelegenheitsjobs und ihr eigenes Überleben — I Know Why Poor Whites Chant Trump, Trump, Trump.

 

 

+++ Habermas über Demokratie +++

Leseempfehlung

 

+++ Theresa May (#BREXIT 2. Akt) +++

Mit Theresa May besteigt am Mittwoch eine weitere europäische Staatschefin den Thron ohne gewählt, ohne vorher demokratisch legitimiert worden zu sein. Neuwahlen sind denn auch wenig überraschend, nach ihren gestrigen Aussagen, nicht Mays drängendstes Anliegen.

»Theresa May’s conveniently short walk to Downing Street is designed to combat the impression that nobody is in control. But without a major change in policy, we are still rudderless on a churning financial sea.« Paul Mason, Guardian

 

As with Britain’s first female prime minister, May’s elevation represents a victory for some women, but they’re the women who need the least help.

 

 

 

 

 

+++ TTIP wird weiter durchgedrückt +++

Verhandlungen TTIP in Brüssel wieder aufgenommen. In der 14. Verhandlungsrunde stehen u.a. Energie und Handel mit Rohstoffen zur Disposition.

TTIP Verhandlungen waren zuletzt vom Bekanntwerden geheimer Verhandlungspapiere belastet worden.

 

#PORFRA. Auch ohne Ronaldo

Entertainment vor dem Hintergrund politischer Demonstrationen

#PORFRA. Portugal gewinnt – auch ohne Ronaldo – seinen ersten EM-Titel. Éder schießt Potugal ins 1:0 gegen Frankreich nach Verlängerung.

Superkicker Ronaldo bereits in der 8. Minute verletzt, in der 25. unter Tränen auf einer Bahre vom Platz getragen, steht in der zweiten Halbzeit wild gestikulierend neben Portugals Trainer am Rand des Spielfelds, der Mannschaft Tipps zurufend, um sich dann am Spielende buchstäblich vor der Welt zu entblößen und unter Freudentränen, den Eimer abknutschend, mit gestältem Sixpack zu zeigen wie ein echter Gewinner aussieht. Großes Kino. Vor allem aber, mit mehreren 100 Millionen Euro Ablösesumme, Kapitalismus pur. Im Hintergrund – außerhalb der Fanmeile –, direkt hinter dem großen Display wird auf Demonstranten geschossen, mit Tränengas. Auf engagierte, mutige Menschen, die gegen eine Verschärfung der französischen Arbeitsmarktgesetze protestieren. Sie passen nicht ins Bild der Feierlichkeiten und folglich wird darüber auch kaum berichtet. Schade.

+++ Photo der Woche +++

Medien: On-Message, weil’s gefällt

Propaganda hat mindestens zwei Seiten. Sie soll die Öffentlichkeit dazu veranlassen, das zu fordern, was die Autoren einer Politik ohnehin schon wollen. Sind Druckmittel für die Anwender von Propaganda keine Mittel erster Wahl, muss Propaganda aber auch etwas können, was die Öffentlichkeit ihr mehrheitlich gar nicht zutraut: sie muss so argumentieren, dass eine Mehrheit – oder je nach Möglichkeit eine Minderheit als hinreichend kritische Masse – sie nicht nur zustimmungswürdig, sondern zustimmungsnotwendig findet.

The Genius leads the spectators: engineering of consent in its early stages.

Publikum Nummer Eins: Engineering of Consent in seiner primitiven Phase.

Der Grund dafür, dass die meisten großen und kleinen Medienorganisationen auf vielen Gebieten vorhersehbar argumentieren – jede auf ihre Weise – liegt in den Interessen ihrer Kapitalgeber. Die Vorhersehbarkeit hat aber auch damit zu tun, dass Leser von den Medien ihrer jeweiligen Wahl Orientierung erwarten. Zu viele innere Widersprüche – von Autor zu Autor – würden die meisten Leser nur verunsichern. Das gilt im Allgemeinen nicht nur für Massenmedien und ihr Publikum; das gilt für kleine Meinungs- und Aktionsgruppen mit ihren Medien mindestens ebenso.

Bei Massenmedien muss man unterscheiden zwischen der „Bezahlzeitung“ (digital oder gedruckt) und dem, was für den Leser kostenlos online gepostet wird. Wer für den Artikel nichts bezahlen musste, ist vergleichsweise geneigt, ihn auch dann zu lesen, wenn er nicht seiner Meinung entspricht, und sei es nur, um ihm da, wo es schnell getan ist, umgehend zu widersprechen.

Aber wer bezahlt hat, will üblicherweise das lesen, was er ohnehin schon glaubt.*) Und das kriegt er auch.

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*) Ein interessanter Grenzfall ist der per Haushaltsabgabe finanzierte Rundfunk. Bei seiner Finanzierung kommt tatsächlich ein Druckmittel zur Anwendung, das sich – z. B. steuergeldfinanziert – unauffälliger gestalten ließe, dessen Auffälligkeit aber beabsichtigt ist.

Was ist Arbeit wert?

OxfordLitFest

»We mustn’t allow ourselves to drift into a situation where only the already-wealthy can afford to be writers, and so it’s time to rebalance the scales a little

 

KÜNSTLERHONORARE. Sommer. Sonne. Kultur boomt. Der Verwaltungsapparat wächst, neue Administraltionsjobs sprießen schneller aus der Kultureventflut, als es britischen Konservativen gelingt, Anwärter auf das Premierministeramt medial zu erdolchen. Kultur für alle. »Künstler«, ist das Zauberwort. Open-Air Lesungen und Festivals, pittoresk eingebettet zwischen historischen Ortschaften und herrschaftlichem Schlossambiente sind oft millionenschwere Veranstaltungsevents, die nach eigenem Bekunden Künstlern dabei »helfen, Öffentlichkeit für ihre Arbeit zu generieren«. Nur, dass die Autoren und Künstler in vielen Fällen entweder schlecht oder überhaupt gar nicht für ihre Dienstleistungen vor Ort bezahlt werden.

Die Gewerkschaft Verdi empfiehlt, dass Autorinnen/Autoren für eine Lesung mit anschließender Diskussion ein Honorar in Höhe von 300 Euro erhalten. Allein die Realität sieht anders aus.

In den vergangenen Tagen wurde viel über England berichtet. Ungeachtet der sich vor unser aller Augen abspielenden #BREXIT-Farce wird auf der Insel seit einem halben Jahr heftig, vor allem aber konstruktiv, über Künstler- und Autorenhonorare gestritten.

Im Januar schmiss der Britische best-selling Kinderbuchautor Philip Pullman („Dark Materials“ und „Golden Compass“) nach 10 Jahren seinen Job beim Oxford Literary Festival – einem der größten und ältesten seiner Art – mit den Worten hin: »Because of the Oxford Literary Festival’s attitude to paying speakers (they don’t) I can’t remain as a patron any longer. I’ve resigned.«

Weiterlesen…

Von Kosten und Schattenseiten

 

Navid Kermani

Der große, deutsche Autor Navid Kermani reagiert auf das #BREXIT-Meltdown mit einem gigantischen Gastbeitrag: Auf Kosten unserer Kinder; – lesen lesen – in der FAZ v. 29.06.2016. Klug, voller Güte und Menschlichkeit spitzt Kermani in seinem Essay das Drama des jahrzehntelangen Politikversagens auf die Jugend und zukünftige Generationen zu.

»Auf den Weg gebracht und ausgearbeitet war der Verfassungstext von einer Generation, welche die Abgründe des Nationalismus physisch durchlitten hatte oder mindestens, wie die Achtundsechziger, mit Blick auf den Zweiten Weltkrieg politisch sozialisiert worden war. Hingegen ausgeführt, öffentlich kommentiert und durch Desinteresse zum Scheitern gebracht wurde der Verfassungsprozess von meiner Generation, die die Notwendigkeit Europas nicht mehr biographisch erfahren hat: Sie weiß die Vorzüge Brüssels größtenteils zu schätzen, sieht die Vorteile eines gemeinsamen Vorgehens in der globalisierten Welt, aber hat zu Europa ein instrumentelles Verhältnis. […]

Auch während der Finanzkrise argumentierten Europas Politiker rein utilitaristisch, wie es einprägsam die Formel der Bundeskanzlerin ausdrückte: „Scheitert der Euro, dann scheitert Europa.“ Aber ist der Euro wirklich das Fundament, auf dem Europa steht? Es mag sein, dass Aktien und Exporte einbrächen ohne die gemeinsame Währung. Aber glauben wir deshalb an Europa, weil uns der wirtschaftliche Nutzen überzeugt? War da nicht mehr? So etwas wie Freiheit, Emanzipation und Teilhabe aller Menschen am Gemeinwesen gleich welchen Geschlechts, welcher Herkunft, Religion oder sexuellen Orientierung? […]

 

»Stattdessen wurden und werden die Krisen, die der Schwächung Europas geschuldet sind, zum Argument genommen oder sogar bewusst befördert, um Europa weiter zu schwächen – ein Teufelskreis, in den die EU während der Flüchtlingskrise nicht zum ersten Mal geraten ist. Auch Deutschland wurde eine solidarische Flüchtlingspolitik schließlich erst dann zum Anliegen, als es selbst die Lasten zu tragen hatte.«

»Als Schriftsteller bin ich regelmäßig zu Gast in Schulen, und ich spreche dann fast immer auch über Europa. Ich sage nicht, dass Europa den Schülern eine Lehrstelle oder einen coolen Job besorgt. Ich weise nicht darauf hin, wie angenehm es ist, ohne Pass zu reisen oder kein Geld wechseln zu müssen. Auf die handfesten Vorteile Europas kommen die Schüler alle von selbst, ohne sich von Europa zu viel zu versprechen, also die Lehrstelle oder den coolen Job. Ich rede auch nicht vom Frieden. Das wissen alle, dass Europa dem Kontinent Frieden beschert hat – aber niemand würde mir glauben, wenn ich wie der panisch gewordene britische Premier drohte, dass ohne Europa wieder Krieg herrschte. Ich erzähle nicht, wie es früher war, noch zu meiner Schulzeit, als meine Klassenkameraden beim Austausch mit der Partnerschule in Lothringen Schwierigkeiten hatten, eine französische Gastfamilie zu finden, weil die Großeltern keinen Deutschen im Haus haben wollten, während ich als Einwandererkind überall gern aufgenommen wurde. Dass sie in Frankreich ungern gesehen werden, erschiene jungen Deutschen von heute doch sehr theoretisch.«

»Überlegt mal, was wäre, wenn Deutschland sich wieder als Volksgemeinschaft verstünde. Oder Frankreich. Oder England. Würde das eure Realität abbilden, die Gesellschaft, in der ihr aufgewachsen seid? Überlegt mal, was ein Europa der Vaterländer bedeuten würde, von dem die Rechtspopulisten immer reden: Wie viele von euch gehörten dann nicht mehr dazu?«

 »Es entsteht sofort ein Gespräch, zumal die kulturelle Vielfalt der heutigen westeuropäischen Gesellschaften nur der Anfang ist. Denn ich frage die Schüler auch, ob sie ernsthaft wollen, dass Homosexualität wieder diskriminiert würde und jemand ihnen vorschreibt, wen sie wann und wie zu lieben haben. Ob sie in der Schule ausschließlich deutsche Literatur lesen wollen, erklärt nur von Deutschen? Ob sie den Klimawandel für eine Erfindung halten, über die Einführung der Todesstrafe nachdächten oder die Gewaltenteilung abschaffen wollten?«

 

Und ein paar übergeordnete Gedanken zum Austritt formuliert Navid Kermani im Deutschlandfunk-Interview:

»Nicht jeder, der gegen Europa ist, ist ja Nationalist oder Rassist sogar. (…) Das Problem ist und das zeigt sich doch jetzt auch wieder sehr klar im britischen Wahlkampf: Sie bekommen den Nationalismus, die Rückkehr zur Nation nicht ohne ihre Schattenseiten. […] Aber wir haben einen Europäischen Gerichtshof, wir haben den Straßburger Gerichtshof und wir haben vor allem europäische Werte, die gerade nicht national sind. Es geht ja nicht darum, die Nationen abzuschaffen. Das wäre ja ganz schrecklich, wenn die Deutschen nicht mehr Deutsche wären, die Franzosen nicht mehr Franzosen. Unsere Kultur, die besticht ja gerade durch ihre Vielfalt. Aber was Europa geschafft hat: Es hat die Nationalstaaten politisch entschärft. Es hat ihnen die Reißzähne genommen und sie dadurch auch wieder attraktiv gemacht. Dass wir heute so jubeln können, wenn Deutschland gewinnt, das hat doch auch gerade damit zu tun, mit der Verankerung in Europa. Das heißt, gerade in Europa können wir auch die Kulturen pflegen. Wir können unsere Heimat wertschätzen, wir können sie lieben. In dem Augenblick, wo es Europa nicht gäbe, würde all das wieder sehr, sehr gefährlich werden, weil wir dann diejenigen definieren würden, die nicht dazugehören. Genau dafür brauchen wir Europa und genau dafür brauchen wir Europa umso mehr in der Zukunft, weil diese Gesellschaften ja nicht monokultureller werden.«

 

* Navid Kermani setzt sich für Menschenrechte und europäische Flüchtlingsrechte ein. 2015, auf dem Höhepunkt der europäischen Flüchtlingskrise, reiste er entlang der Flüchtlingsrouten und berichtete von seinen Erlebnissen in einem beeindruckenden Buch: Einbruch der Wirklichkeit nannte er es. Kermani ist Fiedenspreisträger des deutschen Buchhandels, – für das Jahr 2015. Seine großartige, politikkritische, gleichwohl doch immer humanistische Paulskirchenrede zum Nachhören.

 

Morning Roundup: Supertrumps Nordkoreapolitik, Je ärmer der Brite

Trump: Druck auf China, Reden mit Kim

Als Präsident würde Donald Trump den nordkoreanischen Staats- und Parteichef in die USA einladen. Sagte er vorgestern. Aber vielleicht sagte er das auch nur, weil er es vor vier Wochen schon einmal gesagt hatte:

I would speak to him, I would have no problems speaking to him, at the same time, I would put a lot of pressure on China, because economically, we have tremendous power over China, people don’t realize that. They are extracting vast billions of dollars out of our country, billions …

Reuters: But you said you’d talk to Kim?

Trump: Sure, I would speak to him, I have no problems speaking to him.

Offenbar war er in den Monaten seit Februar zu dem Schluss gekommen, dass man Kim Jong-un womöglich doch nicht so ohne weiteres …

… verschwinden lassen könne.

Und weil sie (amer./engl.: they, also das Establishment, also zum Beispiel Reuters und Hillary Clinton) so darüber gelacht oder geschimpft oder nochmal irgendwie komisch nachgefragt hatten, zeigte Trump, dass er Außenpolitik mit Kontinuität meint, so wie alle Profis, und anders als Amateure wie Hillary Clinton:

There’d be a chance of ten percent or twenty percent that I can talk him out of those damn nukes, because who the hell wants him to have nukes, and there is a chance! I’m going to make a good deal for us. But there is a chance! … It’s called opening a dialogue.

 

Andererseits wird aus dem Treffen mit Kim Jong-un vermutlich doch nichts, sagte er gestern, und machte sich daran, die Servietten bei den Staatsbanketten im Weißen Haus zu zählen.

Ungefähr so wie hier, aber mit dem Unterschied, dass es in ein paar Monaten vielleicht kein Film mehr ist.

Was Beijing von Trumps „Druck“ hält, hat es jedenfalls schon mal angedeutet: am ersten Juni traf der chinesische Partei- und Staatschef zum erstenmal seit 2013 einen ranghohen nordkoreanischen Politiker, Ri Su-yong.

Von Chinas Standpunkt her gesehen, wenn sein Aufstieg unweigerlich mit den USA kollidiert, warum sollte dann Beijing Washington und Seoul [bei den Problemen mit Nordkorea] helfen, wenn das [Chinas] eigenen geopolitischen Interessen zuwiderläuft?

schrieb Lee Seong-hyon, Mitarbeiter der südkoreanischen Denkfabrik Sejong Institute, einem Bericht der „SCMP“ zufolge auf „Facebook“.

Supertrump

Spaß beiseite, eigentlich wird es eine wunderschöne Präsidentschaft, zumindest für eine Weile:

P.S.: Diese Produktion (mit nordkoreanischen Besonderheiten) kommt nicht aus Japan, sondern aus Kalifornien. Weltpopkultur, Weltpräsident, Weltuntergang.

Brexit oder nicht: eine Generationenfrage

Je älter und ärmer der Brite, desto Brexit, notiert Aussie, ein Blogger auf der Plattform des „Freitag“, der sich gerade in Nordwestengland aufhält.

Den zornigen Briten den Brexit ausreden möchten demnach

Obama, und die Damen Merkel und Lagarde, die Herren der zweiten Reihe, Tusk, Junker, Schaeuble und natuerlich auch Cameron und seine City-Claqueure.

Nur den chinesischen Partei- und Staatschef Xi Jinping hat Aussie vergessen. Dabei sieht der das mit dem etwaigen Brexit doch gar nicht anders als Obama.

Jo Cox, 1974 – 2016

Jo Cox, Abgeordnete des Wahlkreises Batley and Spen in West Yorkshire und Mitglied der Labour Party, starb gestern (Mittwoch) an den Folgen eines Attentats. Vor ihrem Abgeordnetenmandat war sie bei Oxfam für Strategieentwicklungen zuständig, war später eine der Mitglieder des Parlaments, die Jeremy Corbyn für die Parteiführung nominierten, und erklärte im vergangenen Monat, warum sie das mittlerweile bereue. Man müsse sich fragen, warum die Labour-Partei bei den Wahlen in Schottland, England und Wales Niederlagen habe verzeichnen müssen, trotz miserabler Leistungen der konservativen Regierung David Camerons.

Bei der Kampagne für den Verbleib Großbritanniens in der EU erwarteten sie und ihr Parteifreund Neil Coyle nunmehr von Corbyn, dass er die Partei wirklich führe.

Jo Cox hinterlässt einen Mann und zwei Kinder.

Polen und Deutsche – das Tandem der beleidigten Leberwürste

„Polen und Deutsche. Geschichten eines Dialogs“ sei eine Ausstellung des Museums für die Geschichte Polens in Warschau, ins Werk gesetzt vom polnischen Außenministerium und dem polnischen Parlament, so die „Welt“. Sie sei ein Beispiel dafür, wie man es nicht machen solle, nämlich ohne Einbeziehung des Gesprächspartners.

Noch schlimmer aber sei, dass Lech Walesa, in den 1980er Jahren Führer der polnischen Opposition gegen die Polnische Vereinigte Arbeiterpartei und später gegen das Militärregime, in der ganzen Ausstellung nicht ein einziges Mal erwähnt werde; dafür aber der 2010 bei einer missglückten Flugzeuglandung ums Leben gekommene Präsident Lech Kaczynski und die jetzige Ministerpräsidentin Beata Szydło, beide von der regierenden konservativen Partei PiS. Eine ‚“gewagte Behauptung“ über eine unvollständige Vertragstreue Deutschlands bei den Bestimmungen über Minderheitenrechte im Nachbarschaftsvertrag rundeten das Bild ab.

Wie genau der gedankliche Weg aussieht, auf dem der Artikel in seinem vorletzten Absatz zu seinem Fazit gelangt – [e]igentlich dürfte eine derart fragwürdige Darstellung im deutschen Parlament nicht gezeigt werden -, erschließt sich diesem Leser nicht.

Nur gut, dass Polen keine Komplexe hat. Dafür hat es aber einen deutschsprachigen Auslandsradiodienst, unter anderem auch (wieder) auf Deutsch. So kann man im Rahmen einer polnischen Presseschau auch gleich Stellung zu den Vorwürfen aus der deutschen Presse – und des auch bei der „Welt“ erwähnten Bundestagsabgeordneten und Beauftragten der Bundesregierung für Aussiedlerfragen – nehmen (lassen).

Der deutschsprachige Auslandsdienst – von der polnischen Vorgängerregierung „eingespart“ und seit dem Amtsantritt der PiS-Regierung mit einer Art wöchentlichem Gegendarstellungspodcast online, darf jetzt wieder täglich aktualisieren.

Wer die beim Thema Polen ziemlich verstrahlte deutsche Presse liest, tut gut daran, auch die eine oder andere Antwort darauf aus Polen zur Kenntnis zu nehmen. Nett wäre es allerdings, die Antworten des polnischen deutschsprachigen Auslandsradios kämen ohne ihre permanente Moment-mal-Attitüde aus. Entweder, die deutschsprachigen Radiomacher halten ihre Hörer für blöd, oder sie gehen davon aus, dass sie nur sehr wenig Zeit zum Nachdenken haben.

Man möchte Deutschland und Polen eine guten Austausch im Alltag wünschen – geschäftlich, kulturell, etc.. Auf der politischen und publizistischen Ebene geht das zur Zeit jedenfalls in die Hose.

 

+++ échauffements +++

+++ POLEN. +++ Auf einer Baustelle in Warschau sind Arbeiter aus Nordkorea beschäftigt. Polnische Medien sprechen von „Arbeitssklaven“. Menschenrechtsorganisationen vermuten, dass die Arbeiter einen Teil ihres Gehalts an den nordkoreanischen Staat abgeben müssen. Nord Korea http://www.deutschlandfunk.de/polen-streit-um-arbeiter-aus-nordkorea.795.de.html?dram:article_id=354501 +++ dieZeit dazu »Schuften für den Führer – Nordkoreas Diktator verkauft Zwangsarbeiter in die ganze Welt, damit sie ihm Devisen beschaffen – sogar nach Polen, mitten in die EU. http://www.zeit.de/2016/13/nordkorea-zwangsarbeiter-ausland-polen

 

+++ Update [12:08 Uhr] +++ Sommer, Sonne, Urlaubszeit …

__by Auerbach

+++ ATHEN. Kein Pool, keine Minibar, kein Roomservice und trotzdem DAS BESTE HOTEL EUROPAS. Was kommt zuerst? Das Leben der Geflüchteten? Oder das Privateigentum, das nicht genutzt wird? Während in London, Berlin und Frankfurt ganze Straßenzüge veröden und immer mehr Wohnraum seit Jahren einfach leer steht – Millionen Quadratmeter, renditeträchtige Spekulationsobjekte –, setzt sich die griechische Zivilgesellschaft zur Wehr. Mutige Menschen, zusammen gegen Obdachlosigkeit, besetzen leestehende Immobilien im Stadtzentrum Athens. Jetzt Doppelzimmer buchen! +++ Aktuelle #Refugee-Squats #Athen: #CityPlaza #Notara26 #Kanegos22 #The5thSchool #Votanikos #BrahamiSofortbild unterstützt diese Aktion und sagt: Mehr davon!
Kein Pool, keine Minibar, kein Roomservice und trotzdem

+++ BERLIN. Not und Spiele heißt die neue Kunstaktion des Zentrum für Politische Schönheit (@Politicalbeauty). Geworben wird mit der Aktion für »Flugbereitschaft«:

»Warum dürfen Flüchtlinge nicht fliegen? – Die Joachim 1, die erste Maschine der Flugbereitschaft der deutschen Zivilgesellschaft, bringt Flüchtlinge per Direktflug nach Deutschland – und legt Schleppern das Handwerk. Spenden Sie jetzt und entscheiden Sie, welche Kandidaten mitfliegen dürfen.« (ZPS)

 

 

 

Revolution!

Revolution? Das kennen wir schon.
Wenn Verhältnisse purzeln
die entwurzelten Wurzeln
dieser ganz schrille Ton:
„Das habt ihr davon!“

Demokratie? Wir verkaufen das Vieh.
So behalten Genossen
ihre sauberen Flossen
und so so geh’n nicht nur die
vor dem Geld in die Knie.

Brüderlichkeit, die uns alle befreit:
Neue Herren gestalten
jetzt Verbraucherverhalten.
Wenn die Masse dann schreit:
„Macht euch alle bereit!“

bleibt es anders beim Alten
denn die Brüder erhalten
von der Macht ihren Lohn.
Und das kannten wir schon

Ein Wort zum Sonntag

Die Bodenständlinge

Die Sänger dieser Lande
sind des heimatlichen Speckes Sänger,
und sie vergleichen sich ein jeglicher
mit einem Baum;
ich hab es oft gehört und weiß es nun wohl,
dass ihre Wurzeln erdverbunden sind.
Wenn aber große Zeiten anbrechen,
die das dicke Ende in sich tragen,
dann feiern sie, um nicht vor’s Gewehr zu müssen,
die besoffenen Eintagswort
der jeweiligen Tyrannen.
Wenn’s aber vorbei ist,
dann singen sie wieder, als ob nichts gewesen wäre,
die Sau am Spieß
und Kraut und Rüben der Heimat.
Ihnen fehlt jedes Wort
für die Geschlagenen und Entrechteten,
von deren Blute Europas Henker trieften.
Ich allein singe heute vom Krieg.
Denn ungetilgter Schulden Samen ist wieder gereift,
und neue Drohung verdunkelt die Welt.
Als die Partisanen zum Kampfe aufbrachen
und die Freiheit ihre Morgensterne
im Dunkel der Wälder entzündete,
da rüsteten sich die Wüsten,
da griffen Wälder
mit grüner Kraft zu den Waffen.
Aber die Landsknechte und ihre Schreibknechte
sprachen nur von Banditen.
Von Ratten zerfressen
wurde des deutschen Schlachthauses
babylonischer Turm.
Aber höher von Jahr zu Jahr
hob die Menschheit ihr Haupt voll Blut und Wunden,
bestahlt von Siegeshoffnung.
Nun aber blickt neue Gefahr
medusenhäuptig auf West und Ost.
Wen müsste man nicht alles
zum Teufel jagen?
von den heimatlichen Sängern
werdet ihr’s nie erfahren

(Michael Guttenbrunner)