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Morning Roundup: Forever Ingeborg

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Was wäre, wenn Ingeborg Bachmann heute noch lebte?

 
Am 25. Juni 2016, wäre Ingeborg Bachmann 90 Jahre alt geworden.

Im Juni 1973 in Rom, in ihrem letzten großen – und wohl politischsten – Interview, sprach Ingeborg Bachmann mit der Journalistin Gerda Haller über Literatur und Gesellschaft. Sie kritisierte den Kapitalismus vehement.

»Und ich glaube nicht an diesen Materialismus, an diesen Kapitalismus, an diese Ungeheuerlichkeit, die hier stattfindet, an diese Bereicherung der Leute, die kein Recht haben, sich an uns zu bereichern.«

»Ich glaube wirklich an etwas, und das nenne ich ‚Ein Tag wird kommen‘. Und eines Tages wird es kommen, ja, wahrscheinlich wird es nicht kommen, denn man hat es uns ja immer zerstört. Seit so vielen tausend Jahren hat man es immer zerstört. Es wird nicht kommen, und trotzdem glaube ich daran, denn wenn ich nicht daran glauben kann, kann ich auch nicht mehr schreiben.«

Ingeborg Bachmann. Ein Tag wird kommen. Gespräche in Rom. Ein Porträt von Gerda Haller (Perlentaucher)

 

Ein Buch des Interviews: Ein Tag wird kommen. Gespräche in Rom. Ein Porträt von Gerda Haller. Mit 1 CD. (Den Film von 1973 konnte ich im Netz leider nicht mehr finden.)

»Auf dem Grund ist Dunkelheit genug«. Die Lange Nacht der Ingeborg Bachmann, Auszüge aus dem Manuskript, Buchtipps, CD-Tipps und Links aus dem Archiv.

Und zum Abschluss noch einen Artikel, der Überlegungen über die Aktualität der Werke Bachmanns anstellt und die Autorin gebührend feiert: Ingeborg Bachmann – Phänomenales Gedächtnis ganz aus Flimmerhaar. Von Hans Höller im Standard, 25.Juni 2016.

 

 

+++ Wettlesen in Klagenfurt – »DSDS für Streber« (Stephanie Sargnagel) +++

Die Autoren des Bachmann-Preises 2016 +++ Die Lesereihenfolge +++ ABSTIMMEN am Samstag, 2. Juli 2016, von 15.00 bis 20.00 Uhr: An wen der mit 7.000 Euro dotierte  Publikumspreis gehen sollte. +++

Die PREISVERLEIHUNG wird am Sonntag, 3. Juli 2016, ab 11.00 Uhr, überträgen

 

 

+++ Der Fall Gina-Lisa Lohfink und die Verschärfung des Sexualstrafrechts +++

»Der Hass im Netz ist organisiert. Deswegen muss man auch Liebe organisieren.«

Der Berliner Aktivist Raúl Krauthausen*[1] trifft Kübra Gümüşay (Apell für organisierte Liebe im Netz, Republica 2016). Sie spricht über den Fall Gina-Lisa Lohfink *[2/3] und Hass, Liebe und Victim Blaming im Netz.

 

Weiterführende Links zum Thema Inklusion, Frauen und Pop

* [1] Krauthausen TV: Talk über Inklusion.

*  [2] Interview über die Leerstelle weiblicher Sexualität im Patriarchat mit Svenja Flasspöhler (Philosophie Magazin) »Sexualstrafrecht trifft Rousseau«, Kulturzeit 17.06.2016.

* [3] Warum Gina-Lisa Lohfink unsere Heldin ist – Von Gina-Lisa lernen, heißt siegen lernen. Von Mithu Sanyal, Missy Magazine

* [4] Pop-Kultur 2015. Pop-Kultur Is this a Woman’s World? Das Festival im Club Berghain fragte sich in einer mitternächtlichen Gesprächsrunde: Hat Pop ein Frauenproblem? von Stefan Bock (Freitags Community Blog, 31.08.2015). Die Ankündigung bei SPEX; und die Session im Stream, zum Nachhören hier.

* [5] Kerstin Grether, Doctorella, über Frauen in der Musikindustrie »Das ist doch grotesk!« (jetzt, 20.04.2007)

 

+++ gute Medienkritik +++

Begründete, heftige Kritik an der medialen Darstellung inszenierter Störaktionen bei Kundgebungen der Labour-Party auf denen Jeremy Corbyn sprach.

 

Was ist Arbeit wert?

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»We mustn’t allow ourselves to drift into a situation where only the already-wealthy can afford to be writers, and so it’s time to rebalance the scales a little

 

KÜNSTLERHONORARE. Sommer. Sonne. Kultur boomt. Der Verwaltungsapparat wächst, neue Administraltionsjobs sprießen schneller aus der Kultureventflut, als es britischen Konservativen gelingt, Anwärter auf das Premierministeramt medial zu erdolchen. Kultur für alle. »Künstler«, ist das Zauberwort. Open-Air Lesungen und Festivals, pittoresk eingebettet zwischen historischen Ortschaften und herrschaftlichem Schlossambiente sind oft millionenschwere Veranstaltungsevents, die nach eigenem Bekunden Künstlern dabei »helfen, Öffentlichkeit für ihre Arbeit zu generieren«. Nur, dass die Autoren und Künstler in vielen Fällen entweder schlecht oder überhaupt gar nicht für ihre Dienstleistungen vor Ort bezahlt werden.

Die Gewerkschaft Verdi empfiehlt, dass Autorinnen/Autoren für eine Lesung mit anschließender Diskussion ein Honorar in Höhe von 300 Euro erhalten. Allein die Realität sieht anders aus.

In den vergangenen Tagen wurde viel über England berichtet. Ungeachtet der sich vor unser aller Augen abspielenden #BREXIT-Farce wird auf der Insel seit einem halben Jahr heftig, vor allem aber konstruktiv, über Künstler- und Autorenhonorare gestritten.

Im Januar schmiss der Britische best-selling Kinderbuchautor Philip Pullman („Dark Materials“ und „Golden Compass“) nach 10 Jahren seinen Job beim Oxford Literary Festival – einem der größten und ältesten seiner Art – mit den Worten hin: »Because of the Oxford Literary Festival’s attitude to paying speakers (they don’t) I can’t remain as a patron any longer. I’ve resigned.«

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Reading List

Bücherstapel

 

»Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.«

Wie lässt sich der Wert kreativer Arbeit messen? Was ist künstlerische Arbeit überhaupt wert?

Für den Anfang an dieser Stelle eine politische Leseliste, mit Dank an die New Yorker Künsterorganisation WAGE FOR WORK.

Über Anregungen und Ergänzungen freuen wir uns,

Euer Sofortbild-Blog Team

 

A

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Von Kosten und Schattenseiten

 

Navid Kermani

Der große, deutsche Autor Navid Kermani reagiert auf das #BREXIT-Meltdown mit einem gigantischen Gastbeitrag: Auf Kosten unserer Kinder; – lesen lesen – in der FAZ v. 29.06.2016. Klug, voller Güte und Menschlichkeit spitzt Kermani in seinem Essay das Drama des jahrzehntelangen Politikversagens auf die Jugend und zukünftige Generationen zu.

»Auf den Weg gebracht und ausgearbeitet war der Verfassungstext von einer Generation, welche die Abgründe des Nationalismus physisch durchlitten hatte oder mindestens, wie die Achtundsechziger, mit Blick auf den Zweiten Weltkrieg politisch sozialisiert worden war. Hingegen ausgeführt, öffentlich kommentiert und durch Desinteresse zum Scheitern gebracht wurde der Verfassungsprozess von meiner Generation, die die Notwendigkeit Europas nicht mehr biographisch erfahren hat: Sie weiß die Vorzüge Brüssels größtenteils zu schätzen, sieht die Vorteile eines gemeinsamen Vorgehens in der globalisierten Welt, aber hat zu Europa ein instrumentelles Verhältnis. […]

Auch während der Finanzkrise argumentierten Europas Politiker rein utilitaristisch, wie es einprägsam die Formel der Bundeskanzlerin ausdrückte: „Scheitert der Euro, dann scheitert Europa.“ Aber ist der Euro wirklich das Fundament, auf dem Europa steht? Es mag sein, dass Aktien und Exporte einbrächen ohne die gemeinsame Währung. Aber glauben wir deshalb an Europa, weil uns der wirtschaftliche Nutzen überzeugt? War da nicht mehr? So etwas wie Freiheit, Emanzipation und Teilhabe aller Menschen am Gemeinwesen gleich welchen Geschlechts, welcher Herkunft, Religion oder sexuellen Orientierung? […]

 

»Stattdessen wurden und werden die Krisen, die der Schwächung Europas geschuldet sind, zum Argument genommen oder sogar bewusst befördert, um Europa weiter zu schwächen – ein Teufelskreis, in den die EU während der Flüchtlingskrise nicht zum ersten Mal geraten ist. Auch Deutschland wurde eine solidarische Flüchtlingspolitik schließlich erst dann zum Anliegen, als es selbst die Lasten zu tragen hatte.«

»Als Schriftsteller bin ich regelmäßig zu Gast in Schulen, und ich spreche dann fast immer auch über Europa. Ich sage nicht, dass Europa den Schülern eine Lehrstelle oder einen coolen Job besorgt. Ich weise nicht darauf hin, wie angenehm es ist, ohne Pass zu reisen oder kein Geld wechseln zu müssen. Auf die handfesten Vorteile Europas kommen die Schüler alle von selbst, ohne sich von Europa zu viel zu versprechen, also die Lehrstelle oder den coolen Job. Ich rede auch nicht vom Frieden. Das wissen alle, dass Europa dem Kontinent Frieden beschert hat – aber niemand würde mir glauben, wenn ich wie der panisch gewordene britische Premier drohte, dass ohne Europa wieder Krieg herrschte. Ich erzähle nicht, wie es früher war, noch zu meiner Schulzeit, als meine Klassenkameraden beim Austausch mit der Partnerschule in Lothringen Schwierigkeiten hatten, eine französische Gastfamilie zu finden, weil die Großeltern keinen Deutschen im Haus haben wollten, während ich als Einwandererkind überall gern aufgenommen wurde. Dass sie in Frankreich ungern gesehen werden, erschiene jungen Deutschen von heute doch sehr theoretisch.«

»Überlegt mal, was wäre, wenn Deutschland sich wieder als Volksgemeinschaft verstünde. Oder Frankreich. Oder England. Würde das eure Realität abbilden, die Gesellschaft, in der ihr aufgewachsen seid? Überlegt mal, was ein Europa der Vaterländer bedeuten würde, von dem die Rechtspopulisten immer reden: Wie viele von euch gehörten dann nicht mehr dazu?«

 »Es entsteht sofort ein Gespräch, zumal die kulturelle Vielfalt der heutigen westeuropäischen Gesellschaften nur der Anfang ist. Denn ich frage die Schüler auch, ob sie ernsthaft wollen, dass Homosexualität wieder diskriminiert würde und jemand ihnen vorschreibt, wen sie wann und wie zu lieben haben. Ob sie in der Schule ausschließlich deutsche Literatur lesen wollen, erklärt nur von Deutschen? Ob sie den Klimawandel für eine Erfindung halten, über die Einführung der Todesstrafe nachdächten oder die Gewaltenteilung abschaffen wollten?«

 

Und ein paar übergeordnete Gedanken zum Austritt formuliert Navid Kermani im Deutschlandfunk-Interview:

»Nicht jeder, der gegen Europa ist, ist ja Nationalist oder Rassist sogar. (…) Das Problem ist und das zeigt sich doch jetzt auch wieder sehr klar im britischen Wahlkampf: Sie bekommen den Nationalismus, die Rückkehr zur Nation nicht ohne ihre Schattenseiten. […] Aber wir haben einen Europäischen Gerichtshof, wir haben den Straßburger Gerichtshof und wir haben vor allem europäische Werte, die gerade nicht national sind. Es geht ja nicht darum, die Nationen abzuschaffen. Das wäre ja ganz schrecklich, wenn die Deutschen nicht mehr Deutsche wären, die Franzosen nicht mehr Franzosen. Unsere Kultur, die besticht ja gerade durch ihre Vielfalt. Aber was Europa geschafft hat: Es hat die Nationalstaaten politisch entschärft. Es hat ihnen die Reißzähne genommen und sie dadurch auch wieder attraktiv gemacht. Dass wir heute so jubeln können, wenn Deutschland gewinnt, das hat doch auch gerade damit zu tun, mit der Verankerung in Europa. Das heißt, gerade in Europa können wir auch die Kulturen pflegen. Wir können unsere Heimat wertschätzen, wir können sie lieben. In dem Augenblick, wo es Europa nicht gäbe, würde all das wieder sehr, sehr gefährlich werden, weil wir dann diejenigen definieren würden, die nicht dazugehören. Genau dafür brauchen wir Europa und genau dafür brauchen wir Europa umso mehr in der Zukunft, weil diese Gesellschaften ja nicht monokultureller werden.«

 

* Navid Kermani setzt sich für Menschenrechte und europäische Flüchtlingsrechte ein. 2015, auf dem Höhepunkt der europäischen Flüchtlingskrise, reiste er entlang der Flüchtlingsrouten und berichtete von seinen Erlebnissen in einem beeindruckenden Buch: Einbruch der Wirklichkeit nannte er es. Kermani ist Fiedenspreisträger des deutschen Buchhandels, – für das Jahr 2015. Seine großartige, politikkritische, gleichwohl doch immer humanistische Paulskirchenrede zum Nachhören.

 

Xinhua, 12.06.16: Wang Meng besucht Hong Kong

Nachstehend: Wiedergabe einer Meldung der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua, vom 12.06.16

Übersetzung, Beginn →

Kürzlich hielt der Ehrenvorsitzende des Chinesischen Schriftstellerverbands und berühmte Autor Wang Meng einen Vortrag in Hong Kong, in dem er sich an sein Leben in Xinjiang erinnerte. Er erzählte auch, wie das Leben in Xinjiang ihm neue Erfahrungen und Entwicklungen ermöglicht, und wie tief es seine schriftstellerische Arbeit beeinflusst habe.

Auf Einladung der China Scholar Society, [einer Gesellschaft] unter der Flagge der Our Hong Kong Foundation, hielt Wang seinen Vortrag am 10. Juni in der Hong Kong Central Library, unter dem Titel „Im Exil und füreinander bestimmt – meine sechzehn Jahre in Xinjiang“. Außerdem nahm er an einem Chinesischen Kultursymposium teil, bei dem er sich mit Hong Konger akademischen Kreisen über Erfahrungen im Studium und im [literarischen] Arbeiten austauschte.

Wang Meng ist der Auffassung, Literatur, inklusive dem sprachlichen Vermögen, der Denkfähigkeit, Logik, der Fähigkeit zur Synthese und zur Analyse sowie die Lebenserfahrung eines Autors seien wesentliche Auslöser für dessen schöpferische Arbeit.

Wang Meng sagte in seinem Vortrag, sein Leben in Xinjiang habe ihm neue Erfahrungen und Entwicklungen ermöglicht, und seine schriftstellerische Arbeit tief beeinflusst.

„Von einem literarischen Standpunkt aus gesehen gab es keinen Wang Meng jener Zeit, und es gab auch keinen zukünftigen Wang Meng.“ Der große Roman, den er während seiner Zeit in Xinjiang schrieb – „Die hiesige Landschaft“ – erhielt 2015 den Mao-Dun-Literaturpreis. Ebenfalls zu jener Zeit [in Xinjiang] schrieb er „Frühling in Turfan“, „Eine rote Fahne wie Feuer“, und weitere Prosa und Reportagen.

Wang Meng verwies darauf, dass die meisten jungen Menschen die Gewohnheit entwickelt hätten, auf elektronischen Plattformen zu lesen. Er unterstütze [jedoch] die Vorstellung, das literarische Schaffen solle dreidimensional sein und über die Zweidimensionalität hinausgehen.

Die Generalsekretärin der Our Hong Kong Foundation, Zheng Li Jinfen, sagte, Professor Wang Meng ist eine der Persönlichkeiten, die die literarischen Kreise des Festlands [VR China minus Hong Kong] repräsentieren. Sie hoffe, Wangs persönliche Anwesenheit sei ein Anlass, den Austausch der Literaten beider Gebiete [Festland und Hong Kong] zu stärken, so dass die Flamme der chinesischen Literatur weitergegeben werde.

Reporter: Xie Xiyu

← Ende Übersetzung

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Related

Ein Denkmal wird achtzig, JR’s FC-Blog, 18.10.16

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Morning Roundup: China, Sofortbilds Woche & Longreads

Während Kanzlerin Merkel sich an diesem Wochenende zum neunten Mal mit einer Wirtschaftsdelegation im Reich der Mitte befindet, hier Sofortbilds China Meldungen by JR.

»China’s Last Leader«

Größte Schufa, leere Seiten in Suchmaschinen und Amtsmedien

CHINA. Bisher erhielten Anwender chinesischer Suchmaschinen sachdienliche Rückmeldungen, wenn Suchergebnisse zensiert waren. Baidu und Qihoo seien nun dazu übergegangen, bei unerwünschten Queries „keine Suchergebnisse gefunden“ zu melden, und Sougou, eine dritte chinesische Suchmaschine, gebe eine leere Seite zurück. Das meldet „Feichang Dao“, ein auf Internetzensur in China spezialisierter Blog.

Der von „Feichang Dao“ genannte Suchbegriff China’s Last Leader bezieht sich auf einen mutmaßlichen Schreibfehler bei der amtlichen chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua im März des Jahres. Die BBC veröffentlichte dazu einen kleinen Schreibkurs.

China hat nicht nur die größte Mauer, sondern bald auch die umfassendste „Schufa“ der Welt. Das jedenfalls konnte Felix Lee, der unter anderem für den „Freitag“ aus China berichtet, vom Hersteller erfahren.

„China Copyright and Media“, eine Website mit ausführlichen Übersetzungen chinesischer Amtsschriften, bot zu solchen Überlegungen der KP Chinas bereits vor zwei Jahren eine ausführliche Übersetzung an.

 

Sofortbilds Woche

+++ Eine Zusammenfassung von J. ist gerade noch in Arbeit und wird dann in wenigen Stunden hier verlinkt. +++

Longreads

+++ Es ist Sonntag, Wochenende. Endlich die Möglichkeit all die Dinge zu tun, für die sonst keine Zeit ist. Ausschlafen (siehe unsere Zusammenfassung der Woche, oben), Freunde treffen, … vor allem aber Lesen. Hier, die Links einiger der spannendsten Texte über (Geld)-Politik und Gesellschaft der letzten Wochen.

o1_Max Haiven Schlachtschiffe der Imagination: Grenzen, Kapital und demokratische Bewegungskontrolle

über Grenzen, Bewegungen, Finanzialisierung und Commons.
Grenzen, die hochentwickelten Schlachtschiffe der Imagination. Um emanzipatorische Politik dagegen in Stellung zu bringen, bedarf es einer Idee der Vorstellungskraft und ihrer Krisen … (englische Version, hier)

Soziologinnen wie Ruthie Gilmore und Angela Davis zeigen wiederum, dass die Industrien der rassifizierten Inhaftierung essentiell für den Erhalt des globalen Kapitalismus sind – ein Prozess, der sich auch in Europa beobachten lässt, wo Frontex und andere Agenturen massenhaft spekulatives Kapital generieren, indem sie die Bewegungen von Menschen kontrollieren. (Max Haiven, Berliner Gazette 25.04.2016)


 

02_Guillaume Paoli Der kommende Aufstand (FAS März 2016).

Auf jeden Fall scheinen viele sich auf einen langfristigen Kampf einzustellen. Dafür spricht die beschleunigte Verrottung der etablierten Parteienpolitik. Selbst links der Sozialisten profitiert keine Partei von den Protesten. Und angesichts der unerwarteten Rückkehr der sozialen Frage sind die Rechtspopulisten auf einmal leise geworden. Unwahrscheinlich ist vor allem, dass die Hunderttausenden, die sich zusammengefunden haben, schnell in die Isolation zurückkehren werden. Und noch etwas: Bislang bleibt die gute Laune ungebrochen. In Rennes wurde eine Demonstration mit einem Riesentransparent angeführt, mit der optimistischen Lagebeurteilung: „Die objektiven Bedingungen sind vorhanden.“ Ob das stimmt, werden wir erst hinterher wissen. (Guillaume Paoli, FAS März 2016)


 

03_Barry Eichengreen, Confronting the Fiscal Bogeyman. (Project Syndicate)

The motivation is sound: someone needs to do something to keep the world economy afloat, and central banks are the only agents capable of acting. The problem is that monetary policy is approaching exhaustion. It is not clear that interest rates can be depressed much further.


 

04_Bill Emmett, Let’s Get Fiscal. (Project Syndicate)

Among the biggest drags on growth today is fiscal austerity. The more governments cut their deficits, the faster growth slows – and the further out of reach debt-reduction targets become. Thus runs the self-defeating cycle of fiscal austerity.


 

05_ ($$) Timothy Garton Ash, The New German Question (The New York Review of Books, 15. August 2013)

There is a new German question. It is this: Can Europe’s most powerful country lead the way in building both a sustainable, internationally competitive eurozone and a strong, internationally credible European Union? Germany’s difficulties in responding convincingly to this challenge are partly the result of earlier German questions and the solutions found to them. Yesterday’s answers have sown the seeds of today’s question.


 

(25 March 2012)

Anxieties among Germans about bailing out European partners have Lutheran echoes from the 16th Century.

 Wir wünschen viel Vergnügen und gute Ideen

Morning Roundup: Dunkelgrün

by Auerbach und JR

Die Fernsehnation muss handeln

Deutschlands Fernsehzuschauer müssen sich in den kommenden Jahren gleich auf drei einschneidende Umstellungen einstellen, meldete die „Welt“ am Freitag:

Zuerst wird das bisherige Antennenfernsehen DVB-T abgeschaltet und auf einen neuen Standard umgestellt. Dann verschwindet das analoge Fernsehen aus dem TV-Kabel. Und schließlich wird die Übertragung im Standard-Format eingestellt.

Wer als TV-Verbraucher nicht handle, stehe vor einem „Blackout“, so der Autor, Thomas Heuzeroth.

 

 

Merkel_Gruene

Wer jetzt nicht austritt, findet sich in der Christlich-Demokratischen Union – vor 1970 – wieder // Illustration: Sofortbild_blog

Wer jetzt noch grünes Parteimitglied ist …

… sollte die Gesichter in seiner näheren politischen Umgebung bei Gelegenheit mal abstauben und sie sich genau angucken:

Die Anhängerschaft der Grünen setzt den Angaben zufolge stärker auf Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU, 51 Prozent) und die evangelische Theologin Margot Käßmann (ebenfalls 51 Prozent) als auf Steinmeier (42 Prozent),

meldet die „Zeit“ online.

Das ist schwärzer als schwarz. Wer jetzt nicht austritt, findet sich in der Christlich-Demokratischen Union – vor 1970 – wieder. Und steht vor einem Blackout.

(Dass 42 Prozent Steinmeier gut finden, bringt auch kein Licht ins Dunkel.)

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Spratley-Inseln: Philippinen gegen China

Experten aus mehreren Ländern unterstützen laut einer Xinhua-Meldung vom Donnerstag die chinesische Position, der zufolge eine Initiative der Philippinen vor dem Ständigen Schiedshof in Den Haag nicht zulässig sei.

Die Experten sehen keine Zuständigkeit des Schiedshofes, Entscheidungen zu Souveränitätsrechten zu treffen – vergleiche zu diesem Argument auch „Shangri-La“, drittletzte Headline im Morning Roundup am vorigen Samstag. Xinhua interviewte zu diesem Thema einen pakistanischen Gesprächspartner, Joseph Matthews vom ASEAN Education Center und Stefan Talmon, Anwalt und Rechtswissenschaftler in Bonn.

Der Schiedshof selbst allerdings erklärte sich im Oktober vorigen Jahres für zuständig. Beijing erklärte, man werde an den Verhandlungen in den Haag nicht teilnehmen, und warf den Philippinen vor, diplomatische Kanäle nicht vollständig genutzt zu haben. Dafür nutzt Beijing die diplomatischenb Kanäle jetzt noch einmal b8is zum Anschlag: Hong Lei, ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums, rief den neugewählten philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte dazu auf, das Schiedsverfahren in den Haag zurückzuziehen.

Drei Rechtswissenschaftler aus Hainan und den USA erklärten im Januar in einem Artikel für die Singapurer „Straits Times“, wie die chinesische Position zustande kam.

Die Entscheidung des Schiedshofes dürfte unmittelbar bevorstehen. Eine Konfliktlösung würde sich daraus allerdings wohl allenfalls ergeben, wenn der Schiedshof China auf ganzer Linie recht gibt.

 

+++ Der Künstler +++

RUSSLAND. Der russische Konzeptkünstler Pjotr Pawlenski – a.k.a Der Hodennagler – soll nun doch nicht ins Gefängnis. Nach sechsmonatiger Untersuchungshaft und einer Einweisung in die Psychiatrie, forderte die Anklage für seine letzte Kunstaktion überraschend nur eine Geldstrafe. In Pawlenskis spektakulärem Kampf gegen die Politik Putins, hatte der Künstler Tore der FSB-Inlandgeheimdienst-Zentrale in Brand gesetzt. »Beschädigung von Kulturgut«, sagen die Moskauer Staatsanwälte. »Eine Farce ist das«, sagt der Angeklagte Pawlenski (siehe Nachtkritik 07.06.16).

 

Mehr zu der Arbeit Pawlenskis im Freitag: Wladimir Velminski (der Freitag | 18.05.2016) Ich opfere nicht.

Russland Der Aktionskünstler Pjotr Pawlenski sitzt seit sechs Monaten in Haft und schweigt. Viele sehen in ihm einen Helden. Nun meldet er sich zu Wort: Den folgenden Text Heroisierungen, in dem er seine Ambitionen und Ziele verdeutlicht, hat er in den vergangenen Tagen hinter Gittern verfasst. (der Freitag 18.5.16)

Oder im Freitag-ARCHIV (2014): Shaun Walker, Ich ist ein Stück Kadaver, der Freitag Ausgabe 0714 | 26.02.2014 https://www.freitag.de/autoren/the-guardian/ich-ist-ein-stueck-kadaver/view

 

+++ Update / 11/06/2016 –10:36 Uhr +++

LITERATUR: Karl Ove Knausgaard zum 100. Jubiläum von James Joyces A Portrait of the Artist as a Young Man

Karl Ove Knausgaard zum 100. Jubiläum von James Joyces »A Portrait of the Artist as a Young Man« über die Entstehugsgeschichte des Buches. Wie alles von Knausgaard, großartig geschieben; der Longread des Wochenendes, New York Times 25.5.2016.

»The reviews spoke of the author’s “cloacal obsession” and “the slime of foul sewers,” comments that seem strange today, insofar as it is the subjective aspect of the book, the struggle that goes on inside the mind of its young protagonist, that perhaps stands out to us now as its most striking feature. What appeared at the time to be unprecedented about the novel seems more mundane to us today, whereas what then came across as mundane now seems unprecedented. Joyce’s novel remains vital, in contrast to almost all other novels published in 1916, because he forcefully strived toward an idiosyncratic form of expression, a language intrinsic to the story he wanted to tell, about the young protagonist, Stephen Dedalus, and his formative years in Dublin, in which uniqueness was the very point and the question of what constitutes the individual was the issue posed.« Karl Ove Knausgaard, A Portrait of the Artist as a Young Man, New York Times 25.5.2016.